Kritik zu Welcome

© Arsenal Filmverleih

Das Verhältnis von Nationalität und Identität beschäftigte Philippe Lioret schon in seinem Debüt »Tombés du ciel«. Sein sechster Film zeigt, dass er darunter etwas anderes als die Regierung Sarkozy versteht

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Philippe Lioret beginnt seine Filme gern mit einer Datumsangabe. Sie weckt die Erwartung, er würde von einer wahren Begebenheit erzählen. Selbstbewusst verleiht der Regisseur seinen Geschichten das epische Gewicht einer Chronik: Das eingeblendete Datum wird ein Wendepunkt sein, von dem an sich das Schicksal seiner Figuren entscheiden wird. Denn eigentlich geht es ihm vor allem darum, das Spezifische seiner Geschichte zu betonen; ein paar Tage, Wochen oder Monate später wäre es bereits eine andere.

»Welcome« beginnt am 12. Februar 2008. Der junge Kurde Bilal (Firat Ayverdi) steht vor der letzten Etappe einer langen und gefahrvollen Reise. Am nächsten Tag schon, so hofft er, wird er in London sein, bei dem Mädchen, das er liebt, und an einem Ort, der ihm eine große Zukunft verheißt. Aber seine Schicksalsgenossen lachen ihn aus. Die Flüchtlinge, die zu Hunderten in Calais auf eine illegale Passage nach Dover warten, haben längst begriffen, dass ihre Hoffnungen gestundet sind. Sie sind der Willkür der Schieberbanden unterworfen und haben die unerbittliche Achtsamkeit der Grenzbeamten zu fürchten. Bilals erster Versuch, in einem Lastwagen versteckt auf eine Fähre zu gelangen, scheitert. Er wird interniert in der unwirtlichen Stadt, durch die ein kalter, feindseliger Wind weht. Aber aufgeben wird er deshalb noch lange nicht. Als er den Schwimmlehrer Simon (Vincent Lindon) kennenlernt, fasst er einen unerhörten Plan: Er soll ihm Unterricht im Kraulen geben, damit er den Kanal überwinden kann.

Das anfangs eingeblendete Datum markiert auch eine Phase in der Geschichte der Fünften Republik, in der die Solidarität nicht mehr als tugendhafte Haltung, sondern als Delikt betrachtet wird. Der Gesetzesartikel L.622 stellt Hilfeleistungen gegenüber illegalen Migranten unter Strafe. Von dem abweisenden, verschlossenen Simon scheint man anfangs ohnehin weder Hilfsbereitschaft noch Zivilcourage zu erwarten. Der einstige Schwimmchampion ist ganz mit dem Selbstmitleid beschäftigt, in das ihn die Trennung von seiner Frau verstoßen hat. Mithin muss ein entschieden kinohafter Prozess der Annäherung beginnen, damit er seine Isolation überwindet. Lioret hat zwar die Verhältnisse in Calais akribisch recherchiert, aber er verweigert sich der Verlockung eines fingiert dokumentarischen Stils, der Betroffenheit durch eine fahrige Handkameraästhetik zu beglaubigen sucht. Regelmäßig führt die Kadrage den Blick durch Türrahmen und Flure, welche die Widerstände und die Enge unterstreichen, die das Verlangen nach Gemeinschaft und Liebe überwinden muss.

Lioret ist ein aufgeklärter Romantiker, für den sich das Politische ganz selbstverständlich mit dem Privaten vermählen muss. Er erzählt von einem Flüchtlingsschicksal aus der Mitte der Gesellschaft heraus, ohne dass diese Erzählperspektive an das kleinmütige Kalkül amerikanischer Politfilme erinnert. Für ihn ist es unumgänglich, seinen Figuren auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Er besteht auf der Legitimität individueller, privater Gründe. Vincent Lindon hält in der Schwebe, ob Simon nur seine Exfrau Marion (Audrey Dana) beeindrucken will, als er sich des Jungen annimmt. Sie arbeitet in einer Hilfsorganisation und hat ihn wohl auch deshalb verlassen, weil sie seinen Egoismus und seine Trägheit nicht mehr ertragen hat.

Das Drehbuch folgt einem geheimen Konstruktionsprinzip, in dem die Hoffnung aufschimmert, die politischen und persönlichen Grenzen durch ein Netzwerk der inneren Verwandtschaften überwinden zu können. Die Konstellation der Figuren ist spiegelbildlich: Simon und seine Frau arbeiten beide in Lehrberufen; wenn Simon von einem gewissenhaften Beamten auf dem Kommissariat verhört wird, müssen beide Männer ihre wahren Ansichten über die Migrationspolitik maskieren; Simon hat die Karriere als Sportler schon hinter sich, von der Bilal träumt. Die Unbeugsamkeit des Jungen berührt den Älteren, auch er fühlt sich entwurzelt und kennt den Schmerz, von der geliebten Frau getrennt zu sein. Er erkennt eine Vaterschaft an, mit allen bedrohlichen Konsequenzen, die dies für seine Existenz haben könnte. Liorets Geschichte, die am 12. Februar 2008 beginnt, ist auch ein Lehrstück darüber, wie aus bürgerlichem Selbstverständnis ein staatsbürgerliches werden kann.

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