Kritik zu Touch Me Not

© Alamode Film

Kino als Herausforderung: Adina Pintilie begibt sich in ihrem mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichneten, die Grenzen von Dokumentation und Essay verwischenden Film auf eine Forschungsreise durch die Themen Intimität, Körpergefühl, Sexualität, Individualität und Erotik

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Die Kamera erforscht die Textur menschlicher Haut, nimmt feinste Härchen auf, Schamhaar und einen Penis, einen Finger und eine Hand. Nacktheit gehört zu den essenziellen Elementen in Adina Pintilies Film »Touch Me Not«. Nach dem oben skizzierten Beginn baut eine Crew eine Kamera auf. Die für Drehbuch, Regie und Schnitt verantwortliche Pintilie kommt ins Bild und führt in das Thema ihres Filmprojekts ein. Der Gewinner des Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele 2018 stellt immer wieder seine Produktionsbedingungen aus, dokumentarische und fiktive Elemente verschmelzen. Nach der Einleitung hebt die episodisch angelegte Geschichte mit der Hauptfigur Laura (Laura Benson), einer Frau um die 50, an. Sie beobachtet einen Callboy dabei, wie er duscht und vor ihr masturbiert. Berührungen zwischen Mann und Frau finden nicht statt. »Touch Me Not« ist im Fall von Laura wörtlich zu verstehen. »Noli me tangere« ist für sie oberstes Gebot.

Zentrales Thema der rumänisch-deutsch-tschechisch-bulgarisch-französischen Produktion ist Intimität. Wer dächte da nicht an den Berlinale-Gewinner von 2001: Patrice Chéreaus »Intimacy«. Der Film reizte die Sprache des Kinos aus, um eine intensive Liebesgeschichte zu erzählen. Zu sehen waren ein erigiertes Glied, minutenlanges Klammern, Tasten, Grapschen, Stoßen und Keuchen. Die Schauspieler Kerry Fox und Mark Rylance bewegten sich, allen Effekten zum Trotz, im Rahmen einer fest umrissenen Handlung. Die rumänische Filmemacherin Pintilie geht weiter. Um das zentrale Dilemma von Identität und die »De-Objektifizierung und Individualisierung menschlichen Austauschs« zu untersuchen, begibt sie sich auf eine Forschungsreise, die dem Zuschauer Erkenntnisse vermitteln soll – aber auch Pintilie selbst.»Touch Me Not« ist vieles zugleich: Beziehungsspiel, Dokumentation und Filmessay. Geschrieben ist der Essay in einem hohen, abstraktionsverliebten Ton. Diesen Duktus beherrschen auch die auftretenden Menschen.

Protagonisten des auf Englisch, mit Laien und professionellen Schauspielern gedrehten Films sind neben Laura die selbstironische Transfrau Hanna (Hanna Hofmann), die Brahms liebt, ihre Brüste Gusti und Lilo nennt und Laura dabei hilft, ihr Verhältnis zu Körperlichkeit und einer eingeschlossenen Wut zu reflektieren; Tómas (Tómas Lemarquis), der als Kind alle Körperbehaarung verloren hat und an einem Touch-Workshop mit Behinderten und Nichtbehinderten teilnimmt; Christian, der an spinaler Muskelatrophie leidet, was ihn nicht daran hindert, mit seiner Freundin Grit lustvoll seine Sexualität auszuleben.

George Chiper-Lillemarks Kamera nimmt die Figuren im privaten Umfeld auf, in der Badewanne, bei den Berührungsübungen im Touch-Workshop und in einem Club, in dem der Schmerz zu Lustgewinn führt. Dort hängt eine gefesselte Schönheit im Raum wie ein menschliches Mobile. Die Bondage-Episode spiegelt die dunklen Bezirke menschlicher Begierde, ein Kontrast zum hell ausgeleuchteten Touch-Workshop.

Im Mittelpunkt steht die von ihrem Körper entfremdete Laura. Sie erscheint angespannt, latent aggressiv, auf dem Weg zur Depression. Unterschiedliche Sexdienstleister mit auffallendem psychotherapeutischen Verständnis versuchen, das Problem zu lösen: mit Handauflegen oder Urschrei-Therapie. Laura fühlt sich magisch angezogen von Tómas, sie verfolgt ihn wie eine Stalkerin und findet bei ihm schließlich so etwas wie Geborgenheit. Sie setzt mit einem wilden Tanz den bewegten Schlusspunkt des Films. Pintilie greift immer wieder ins Geschehen ein: als Fragende oder Befragte und irgendwie auch als Mitleidende. Ihre Empathie wird spürbar und die Unsicherheit und Verstörung, mit der sie sich den Themen Intimität, Sexualität und Liebe nähert.

»Touch Me Not« zielt auf ein Publikum, das Zumutungen aushält, wie sie beispielsweise die serbische Performace-Künstlerin Marina Abramović bereithält. Der Film lässt sich als 125-minütiger Selbstfindungsprozess betrachten, mit Musik von Ivo Paunov und den Einstürzenden Neubauten. Eine Herausforderung, die anzunehmen sich lohnt.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns