Kritik zu Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt

© Seantor Film Verleih

Zwanzig Jahre lang war Jacques Mesrine Frankreichs »Staatsfeind Nr. 1«. Nun verkörpert Vincent Cassel den Schwerverbrecher in einer aufwendig produzierten Filmbiografie

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In Frankreich ist der Mann eine Legende, hierzulande kennt ihn kaum ein Mensch: Jacques Mesrine, geboren 1936 in Clichy, gehörte von Beginn der sechziger bis Ende der siebziger Jahre zu den meistgesuchten Kriminellen Frankreichs und Franko-Kanadas. Er war für eine Vielzahl von Gewaltverbrechen verantwortlich und hat nach eigenem Bekunden 40 Menschen ermordet. Mehrfach gelang Mesrine die Flucht aus Hochsicherheitsgefängnissen. Im Oktober 1979 wurde er schließlich von einer Spezialeinheit der Pariser Polizei in einen Hinterhalt gelockt und ohne Vorwarnung erschossen.

Nun hat der junge Regisseur Jean-Francois Richet, der bislang vor allem durch ein mäßiges Remake von Carpenters »Das Ende« aufgefallen ist, Mesrines 1977 verfasste Autobiografie als Kino-Zweiteiler verfilmt. Nicht zuletzt durch das Siebziger-Jahre-Setting, das prominente Ensemble (Gérard Depardieu, Mathieu Amalric, Ludivine Sagnier, Cécile De France) und die betont raue, sich »authentisch « gebende Ästhetik mutet »Public Enemy No. 1« stellenweise wie das französische Äquivalent zum »Baader Meinhof Komplex« an. Der entscheidende Unterschied besteht gleichwohl darin, dass die Franzosen sich zwei Teile und vier Stunden Laufzeit gegönnt haben, um nicht nur die Karriere »ihres« Gangsters publikumswirksam aufzubereiten, sondern auch die verschiedenen Facetten seines Charakters zu beleuchten – ohne dadurch den Anspruch auf endgültige Erklärungen zu erheben. Im Gegenteil: Anstelle einer epischen Biografie wirft »Mordinstinkt« Schlaglichter auf markante Stationen in Mesrines Leben und fordert den Zuschauer, sich aus den Informationen selbst ein Bild zu formen.

Während der im Mai startende zweite Teil sich auf den »Medienstar« Mesrine konzentriert, geht »Mordinstinkt« unter anderem der Frage nach, ob Mesrine, wie man so sagt, »zum Verbrecher geboren« oder von »den Umständen« dazu gemacht wurde. Zunächst scheint der Film dabei der klassischen Geschichte vom Gangster als Produkt seiner Zeit zu folgen: So sehen wir zu Beginn den blutjungen Jacques Mesrine als Soldat im Algerienkrieg, wo er sich an unfasslichen Grausamkeiten der französischen Besatzer beteiligen muss. Zurück in Clichy erwartet ihn eine biedere Gesellschaft, die seine Traumata nie verstehen wird, ein kleinbürgerliches Elternhaus mit einem schwächlichen Vater sowie ein Job, dessen Banalität dem sensiblen Jacques angesichts der Kriegserlebnisse umso grotesker erscheint. Mit anderen Worten: Die Umstände liefern die besten Voraussetzungen, um auf die schiefe Bahn zu geraten. Richet inszeniert dieses Segment im Stil des sozialkritischen amerikanischen Gangsterkinos der dreißiger Jahre wie Dead End oder dem Cagney-Klassiker Chikago. Von Cagney scheint sich der großartige Vincent Cassel auch die nervöse Energie abgeschaut zu haben, den tänzerischen Charme und die respektlos grinsende Dreistigkeit. Zu Recht wurde er für seine Leistung mit einem César als Bester Darsteller ausgezeichnet; Richet erhielt den Regiepreis.

Immer wieder aber, wenn diese Verkörperung zu sehr ins Sozialromantische zu kippen droht, entlarvt der Film Mesrines pathetischen Ehrenkodex und seine vermeintliche Moral als zynische Pose. Tatsächlich ist Mesrine ein cholerischer und herrischer Sadist, der seine eigene Frau übel misshandelt und nach einer kurzen Rückkehr in die Bürgerlichkeit den ersten Anlass nutzt, um wieder ins Milieu einzusteigen. So gelingt es dem Film, ein Charakterbild von Jacques Mesrine zu zeichnen, dessen Faszination gerade in seiner Widersprüchlichkeit liegt. Wenngleich Richet sich eine eindeutige Haltung verbietet, scheint Mesrine ein ebenso charismatischer wie größenwahnsinniger Psychopath zu sein, dessen kriminelle Veranlagung durch die äußeren Umstände lediglich den entscheidenden Kick bekam.

Die clevere Darstellung der Hauptfigur findet zwar nicht unbedingt eine Entsprechung in der filmischen Gestaltung des Films, die wechselweise an französische Genrefilme der Siebziger und an aktuelle französische TVGroßproduktionen erinnert. Als Versuch, eine der großen kriminellen Gestalten des vergangenen Jahrhunderts begreifbar zu machen, entwickelt »Public Enemy No. 1« jedoch eine unbestreitbare Kraft. 

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