Berlinale: Der Dampfer läuft aus

»Gelbe Briefe« (2025). © Ella Knorz / if Productions / Alamode Film

Wie jetzt – keine schlechten Nachrichten, keine Krise, keine aus dem Ruder laufende Politdebatte im Vorfeld? Tricia Tuttle, Berlinale-Intendantin seit April 2024, hat Ruhe ins Spiel gebracht. Sie setze auf »Evolution«, nicht Revolution, sagte sie kürzlich dem »Tagesspiegel«. Am Donnerstag steuert sie den »Ozeandampfer«, wie sie das weltgrößte Publikumsfestival nennt, zum zweiten Mal aufs offene Meer.

Und kurz vor dem Start hat selbst Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) die Wogen geglättet, für vorläufige Beruhigung in der Branche gesorgt: Die Blockade der deutschen Filmförderung ist gelöst, die strittige Frage, ob und in welchem Rahmen Streaming-Giganten wie Netflix und Amazon in die heimische Filmproduktion investieren sollen, in einem Kompromiss aufgegangen.

Schon im vergangenen Jahr hat sich gezeigt, dass sich das Profil der Filmfestspiele verändert. Es fällt offenbar zunehmend schwer, glamouröse Hollywoodproduktionen anzuziehen – Tuttle kontert, indem sie das künstlerische Profil schärft. Im Wettbewerbsprogramm, das mit Dramen, Genrefilmen, einem Dokumentarfilm und einem japanischen Anime breit aufgestellt ist, finden sich überwiegend Namen, die nur Cineasten und vielleicht sehr regelmäßigen Berlinale-Besuchern ein Begriff sein dürften.

Zunehmende Bedeutung internationaler Ko-Produktionen

Auffallend ist der Trend zur Grenzüberschreitung. 22 Filme aus 28 Ländern, von Finnland bis Australien, vom Tschad bis Singapur: Das markiert die zunehmende Bedeutung internationaler Ko-Produktionen – und einen munteren Austausch von Talenten.

So hat der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó sein Drama »At the Sea« um eine Frau, die nach einem Drogenentzug in das Haus ihrer Familie zurückkehrt, mit einem amerikanischen Cast um die Hauptdarstellerin Amy Adams gedreht. Und der Brasilianer Karim Aïnouz, mit »Praia do Futuro« von 2014 eine Entdeckung der Berlinale, versammelt in seinem Thriller »Rosebush Pruning« ein englischsprachiges Starensemble: Callum Turner, Riley Keough und Elle Fanning.

Drei deutsche – genauer: »majoritär deutsch produzierte« – Filme haben es in den Wettbewerb geschafft. Ilker Çatak, dessen »Lehrerzimmer« 2023 in der Sektion Panorama einen Triumphzug startete, zeigt »Gelbe Briefe«: eine Geschichte um ein türkisches Künstlerpaar, das ins Visier des Staates gerät und zwischen Ankara und Istanbul um die Existenz seiner Familie kämpft; gedreht wurde in Hamburg und Berlin – ein Wagnis. »Etwas ganz Besonderes«, der neue Film von Eva Trobisch (»Ivo«), kreist um eine junge Frau, die im Waldhotel ihrer Familie in der thüringischen Provinz herauszufinden sucht, wer sie eigentlich ist.

Wild und populär

Und Angela Schanelec, bekannt für anspielungsreichen, rigorosen Formalismus (»Ich war zuhause, aber…«, »Music«), stürzt einen 40-jährigen Kranführer in eine Krise: »Meine Frau weint«. Immerhin »minoritär deutsch produziert« ist das Historiendrama »Rose« des Österreichers Markus Schleinzer mit Sandra Hüller als Frau, die in den Wirren nach dem Dreißigjährigen Krieg als Soldat verkleidet ihr Glück zu machen sucht.

Wild und populär wird es in der Sektion Berlinale Special, in der neben Body-Horror-Filmen aus Indonesien und Australien Ulrike Ottingers Adaption der Geschichte von der »Blutgräfin« läuft, mit Isabelle Huppert als Vampirin unter Vampiren im Wien von heute. Den größten Fan-Auflauf wird aber sicherlich »The Moment« verursachen, ein Mockumentary, das um die britische Singer-Songwriterin Charli XCX, ihr Image, ihre Selbstzweifel und den Tour-Stress eines Popstars kreist.

Trend zum Arthouse-Film

Eröffnet wird die Berlinale außer Konkurrenz mit »No Good Men« von der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat, einem Drama um eine Kamerafrau, das 2021, kurz vor der Rückkehr der Taliban, spielt. Auf der Gala wird auch der Ehrenbär an die Schauspielerin Michelle Yeoh verliehen; Yeoh hatte 2023 als erste Asiatin den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle gewonnen und war gerade noch mit »Wicked: Teil 2« im Kino zu sehen.

Der internationalen Jury, deren Besetzung den Wettbewerbstrend zum Arthouse-Film widerspiegelt, steht der deutsche Regisseur Wim Wenders vor. Der freut sich, nach all seinen Jahren als Berlinale-Gast und -Mentor das Festival aus anderer Perspektive zu betrachten. Und gibt zu, dass Filmegucken nicht nur das Schönste auf der Welt, sondern auch Arbeit sein kann.

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