Berlinale: Retrospektive

»Lost in the Nineties«
»Videogramme einer Revolution« (1992). © Harun Farocki GbR

In 24 Filmen will die diesjährige Berlinale-Retrospektive eintauchen in die neunziger Jahre. Ein noch gar nicht so lange zurückliegendes Jahrzehnt, das aber, genau besehen, von der Gegenwart schon Welten zu trennen scheint. So fern und doch so nah: Es war die letzte Dekade, bevor das Internet unser Leben bestimmte und die Welt sich digitalisierte; die Jahre, in denen der Mauerfall verarbeitet werden musste und der Zusammenbruch der Sowjetunion eine neue Weltordnung schuf.

Es war eine gute Zeit für Autorenfilmer, ein Jahrzehnt, in dem ernsthafte Werke des Weltkinos bei westlichen Cineasten Anklang fanden, die das Interesse an den großen Kassenschlagern verloren hatten. Zugleich aber erlebten gerade die in den 1970er Jahren geborenen Blockbuster in den neunziger Jahren einen ungekannten Aufschwung – mit dem Aufkommen von CGI. Dinosaurier, Außerirdische, Asteroiden und Titanic veränderten das Medium für immer. Mit einem immer teurer werdenden Mainstream kamen größere Hits, die größere Budgets erforderten. Diese Tendenzen ignoriert die Berlinale-Retrospektive. Stattdessen legt sie ihre eigene Lesart vor, die sich an den politischen Verschiebungen der Zeit orientiert.

Unter dem Titel »Lost in the Nineties« schwimmt die Retrospektive nicht nur gegen den Mainstream. Sie arbeitet sich jenseits des Mainstream ab. Und kommt aus ohne »Jurassic Park« (1993), ohne »Schindlers Liste« (1993), »Pulp Fiction« (1994), »Trainspotting« (1996), »Matrix« (1999), »Fight Club« (1999) und, klar, ohne »Forrest Gump« (1994). Aber auch Mike Leighs »Naked« (1993) fehlt, ebenso wie Matthieu Kassowitz' »La Haine« (1995), David Cronenbergs »Crash«, Wong Kar Weís »Chungking Express« (1993) oder David Lynchs »Twin Peaks: Fire Walk with Me« (1992) – Filme, die ebenfalls außerhalb der Blockbuster-Welt erfolgreich waren, ohne sich dem immer mehr einem Vergnügungspark ähnelnden kommerziellen Kino anzuschließen.

In der Berlinale-Retro stehen stattdessen konkret lebensweltliche Werke wie »Videogramme einer Revolution« (1992), eine minutengenaue Chronologie der rumänischen Revolution 1989 in Bukarest, auf dem Programm. Ferner Andreas Dresens Culture-Clash-Komödie »So schnell geht es nach Istanbul« (1991) und »Bamboozled« (2000), einer der schwächeren Spike-Lee-Filme (anstelle von beispielsweise »Malcolm X« von 1992). In »Orange Westen« (1991) geht es um das Leben der Frauen in der zerfallenden Sowjetunion und in Michael Stocks »Prinz in Hölleland« um einen Heroinsüchtigen im queeren Aussteigermilieu in West-Berlin (1993).

Zu den wohl bekanntesten Beiträgen gehören Tom Tykwers »Lola rennt« (1998), Krzysztof Kieslowskis »Die zwei Leben der Veronika« (1991) und Ulrike Ottingers »Johanna d'Arc of Mongolia« (1989). Auch Filme wie John Singletons »Boyz n the Hood« (1991), Richard Linklaters »Slacker« (1990) und Daisy von Scherler Mayers »Party Girl« (1995) sind vertreten. Ebenso Harun Farocki, Chantal Akerman und Werner Herzog mit Einzelwerken. Beim Wiedersehen wird sich überprüfen lassen, wie gut sie gealtert sind.

Den Zeitgeist eines ganzen Jahrzehnts in nur 24 Filmen umreißen zu wollen, ist ehrgeizig. Um dieses Projekt einzugrenzen, haben sich die Kuratoren auf drei Themenschwerpunkte verlegt, deren Triftigkeit man diskutieren kann: »Berlin«, »East Meets West« und »The End of History«. Sie führen vom konkreten Schauplatz (»Berlin«) zur verschwommener umrissenen Arena (»East Meets West«) hin zum apokalyptisch Allgemeinen (»End of History«), einer Kategorie, die »systemkritische Werke über den Aufstieg der Slacker und anderer Subkulturen« enthält.

Mit der diesjährigen Retrospektive stellt sich die neue Direktorin der Sektion vor: Heleen Gerritsen, 1978 in den Niederlanden geboren, die Osteuropäische Geschichte und Wirtschaftswissenschaften in Amsterdam sowie Russische Philologie in Sankt Petersburg studierte. Anlässlich einer früheren Berlinale, an der sie als Produzentin und Regisseurin teilnahm, sagte sie: »Mein Lieblingswort aus dem Deutschen ist ›Gesamtkunstwerk‹. Für mich drückt dieses Wort genau aus, worum es beim Film geht.«

Ganz eindeutig wird der Film der neunziger Jahre vom Standort Berlin aus vermessen, mit Blick in den Osten. So heißt es in der Ankündigung des Programms: »Während die krisengebeutelte Filmindustrie in Osteuropa sich an den Marktkapitalismus anpassen musste, herrschte in Berlin eine neu empfundene Freiheit. Filmemacher*innen begannen den Osten bzw. Westen zu entdecken und dort Filme zu drehen.« Damit versucht die Retrospektive wieder ein Stück Vergangenheitsbewältigung, nachdem sich Cineasten im Vorjahr schon mit dem Thema »Wild, schräg, blutig. Deutsche Genrefilme der 70er« beschäftigen durften. Was kommt als Nächstes – der Film der 80er Jahre?

Weiter zurückreichende Blicke in die Tiefe der Filmgeschichte sind in den letzten Jahren zur Seltenheit in der historischen Sektion der Berlinale geworden. Und auch monografische Betrachtungen, die sich dem Werk einzelner Schlüsselfiguren des Kinos widmen, werden rar. Nach der Fokussierung auf den deutschen Genrefilm der 70er Jahre öffnet die Rückblicks-Sparte der Berlinale dieses Jahr immerhin wieder ihren Blick in die Welt. Oder wenigstens in einen bestimmten Teil der Welt.

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