Kritik zu Mord im Orient-Express

© 20th Century Fox

Kenneth Branagh verfilmt den Klassiker im klassischen Stil: mit sich selbst in der Rolle des schnurrbärtigen Hercule Poirot und jeder Menge Prominenz im Ensemble

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In Zeiten von Fake News können wir einen Typen wie Hercule Poirot gut gebrauchen. Schließlich ist Agatha Christies narzisstischer Privatdetektiv – die meisten werden es wissen, aber dennoch: Er nennt sich selbst den »wahrscheinlich besten Detektiv der Welt« – eine Ikone der faktenbasierten Beweisführung. »Egal was die Menschen sagen: Es gibt richtig, es gibt falsch. Nichts dazwischen«, raunt dieser Poirot einmal, den Regisseur und Schauspieler Kenneth Branagh in Personalunion selbst mimt. In vielen Close-ups sehen wir seine stahlblauen, aufmerksamen Augen, die bohrend nach der Wahrheit suchen.

Um den Dampf aus dem Kessel zu lassen: Der neue »Mord im Orient-Express« ist eine größtenteils gelungene Reanimation des Klassikers, den Sidney Lumet 1974 erstmals für das Kino adaptierte, und auch der neue Poirot kann sich sehen lassen. Branagh war sicher klar, dass er hier ein heißes Eisen anfasst. Auch ein Albert Finney musste sich nach Lumets Version den Vergleich mit dem von vielen Fans als Ur-Poirot gefeierten ­Peter Ustinov gefallen lassen. Der krimi­erfahrene Brite Branagh, der mehrfach den Kommissar Wallander in den Verfilmungen von Henning Mankells Krimireihe gab, tut also gut daran, nicht bloß abzukupfern, sondern seinen exzentrischen Schnüffler mit eigenen Akzenten zu versehen. Sein Poirot ist weniger onkelhaft und unnahbar, glücklicherweise ist auch der Film insgesamt keine reine Comicversion des Stoffs geworden, wie der Trailer vermuten ließ.

In charmant-nostalgischer Optik entspinnt sich der bekannte Whodunit-Plot. Nach einer vergnüglichen, etwas zu ausgedehnten Exposition in Jerusalem, die den Meisterdetektiv als solchen etabliert, besteigt er gemeinsam mit zwölf weiteren Gästen den Orient-Express. Statt des geplanten Urlaubs warten ein steckengebliebener Zug und die Leiche des Geschäftsmanns Mr. Ratchett (Johnny Depp) auf den bärtigen Belgier, dem sofort klar ist, dass einer der Fahrgäste der Mörder sein muss. »Sie sind der Einzige, der für Gerechtigkeit sorgen kann«, bekommt Poirot von Eisenbahndirektor Bouc (Tom Bateman) den Bauch gepinselt und macht sich an die Arbeit. Der Belgier – nicht Franzose! – verhört alle Passagiere, die, wie schon in Lumets Klassiker, von einem äußerst prominenten Cast gespielt werden.

Wirklich viel Platz bleibt dem Ensemble nicht in diesem konstruierten Komplott, sind die Figuren doch mehr Symbole als Menschen. Michelle Pfeiffer hat als männerfressende Witwe starke Momente ebenso wie Willem Dafoe als (falscher) Nazi-Österreicher. Judi Dench kann als Adelige erneut beweisen, dass sie im kleinen Finger mehr Charisma hat als manch einer am ganzen Körper. Mit einer entspannten, aber dynamischen Inszenierung, die immer mal wieder den Zug verlässt und den »Tatort« aus der Vogelperspektive zwischen verschneiten Bergen zeigt, rollt Branagh das alte Spiel um Schuld und Sühne und um die Bedeutung von Gerechtigkeit auf. Seine Version ist dabei zugleich komisch und düster, manchmal zu rührselig, hält den Plot aber spannend bis zur Auflösung, in der Poirot vor einem Tableaux vivant des letzten Abendmahls zum tragischen Helden wird.

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