Kritik zu Liebesleben

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Maria Schrader verfilmt in ihrer ersten Regiearbeit Zeruya Shalev

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Ein Windstoß ist der Vorbote kommender Gefühlsturbulenzen. Er erfasst den liebevoll unter einem Baum gedeckten Geburtstagstisch, an dem der Vater jedoch gar nicht erscheint. Ruhelos eilt Jara nach Hause, denn in Israel gibt es immer Gründe, das Schlimmste zu fürchten. Dort trifft sie auf einen mysteriösen Besucher, Arie, einen alten Studienfreund des Vaters, der jahrelang in Paris gelebt hat und jetzt im Elternhaus eine nervöse Unruhe verbreitet, obwohl er wie ein ruhender Pol am Küchentisch sitzt.

Augenblicklich übt er eine unerklärliche Faszination auf Jara aus. Seine unnahbare Arroganz verleiht ihm eine gefährliche, erotische Präsenz, die sich mit dem Sog eines düsteren Geheimnisses aus der Vergangenheit der Eltern verbindet. So entspinnt sich eine Amour fou, die Jaras Leben aus den Angeln hebt, über der sie ihre Uni-Karriere vergisst, ihre Familie und ihre eigentlich doch glückliche Ehe mit Joni.

Bei gemeinsamen Projekten mit Dani Levy ist Maria Schrader gelegentlich bereits als Co-Regisseurin aufgetreten. Nun legt sie mit der Verfilmung von Zeruya Shalevs erfolgreichem Roman »Liebesleben« ihr Regiedebüt vor, ein Projekt, das auf vielen gemeinsamen Lesereisen der Autorin und der Schauspielerin langsam gewachsen ist. Und im Film spürt man die Sicherheit im Umgang mit dem Roman, die Nähe zur Autorin und das gegenseitige Vertrauen.

Statt die inneren Monologe des Romans, diesen nie endenden Strom der Gedanken, auf die Hilfskonstruktion einer Off-Stimme abzuwälzen, überträgt Maria Schrader ihn ganz direkt auf die Bilder, legt sie ihn in den Blick einer Kamera, die immer ganz nah dran ist an Jara. Sie nimmt den Taumel ihrer Gefühle auf diese Weise in sich auf, wenn Jara aus dem Haus der Eltern läuft und fast von einem Auto überfahren wird, wenn sie durch ihre Unaufmerksamkeit den Tod der Katze einer Freundin verursacht, wenn sie immer wieder zufällig auf Arie trifft und nur noch Augen für ihn hat, wenn sie sich im Traum als nacktes Opferlamm auf den Schultern von Arie sieht.

Wie ein Rausch wirkt diese Liebe, wie eine Welle, die Jara wider jede Vernunft aus den vorgezeichneten Bahnen ihres Lebens herausreißt. Die latente Gefahr auf den Straßen von Israel, der schwelende Krieg, der jede Busfahrt zu einer Mutprobe macht, trägt zur elektrisierenden Anspannung bei. »Das Leben dort schlägt in einem anderen Takt, schneller, intensiver«, erklärt die Regisseurin ihre Entscheidung, in Israel zu drehen, obwohl es für die Autorin eine universelle Geschichte ist, die überall spielen könnte. Auch die Entscheidung, mit weitgehend israelischen, aber weniger bekannten Schauspielern zu drehen, trägt zur Authentizität der Geschichte bei. Der in Amerika arbeitende Kroate Rade Sherbedgia verbindet als Arie eine magnetische Präsenz mit dem Ennui eines Mannes, der schon alles gesehen und getan hat. Und die junge Netta Garti verbindet als Jara die selbstbewusste Intelligenz einer modernen jungen Frau mit der archaischen Sehnsucht eines jungen Mädchens nach einem dominierenden Mann. Unterschwellig schwingt in der verbotenen Liaison ein Hauch von Inzest mit, ein Echo von Max Frischs »Homo Faber« klingt nach, in dem die Liebe zwischen einer jungen Frau und einem reifen Mann allerdings auf andere Weise zur Tragödie führte.

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