Kritik zu J. Edgar

© Warner

Oscarnominierung garantiert: Leonardo DiCaprio lebt sich unter Clint Eastwoods biederer Regie in die nicht allen sympathische Figur des FBI-Direktors Edgar J. Hoover ein

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Von den bloßen biografischen Daten her gibt der Mann eigentlich kaum genug Stoff ab für eine Filmbiografie: nie verheiratet, kinderlos, in ein und derselben Stadt geboren und gestorben, über 50 Jahre in ein und derselben Behörde beschäftigt, davon über 40 Jahre mit derselben Sekretärin und demselben Stellvertreter an seiner Seite. Mit J. Edgar Hoovers Lebensgeschichte könnte man kein Publikum jenseits von hartgesottenen Historikern unterhalten, wenn dieser Mann keine Macht besessen hätte. Davon jedoch besaß Hoover genug. Und vielleicht mehr. Die klassische Formulierung lautet, er sei unter den Präsidenten Coolidge, Hoover, Roosevelt, Truman, Eisenhower, Kennedy, Johnson und Nixon der zweitmächtigste Mann gewesen. Und die gemunkelte Gegenthese dazu ist, dass er sie alle, spätestens seit Roosevelts Amtszeiten, durch das von »seinem« FBI gesammelte kompromittierende Material eigentlich in seiner Hand gehabt hat.

Damit wäre man bei dem angekommen, was die Figur Hoover für eine Verfilmung erst spannend macht: die Diskrepanz von ereignisloser Fassade und unermüdlichem Machtkampf, der Widerspruch zwischen offizieller Chronik und vermuteten Geheimakten. Er wolle den Nachkommen erzählen, wie es wirklich war bei der Gründung des FBI, hört man Leonardo DiCaprio in der Rolle des bereits 70-Jährigen zu Beginn von J. Edgar einem jungen Mitarbeiter in die Feder diktieren. Es fallen die ganzen Phrasen über das Amerika, das bedroht sei, von Kriminellen, die ungehindert auf offener Straße ihren Machenschaften nachgehen, von der Krankheit des Kommunismus, die die Körper infiziere und aushöhle, von der Liebe zum großen Amerika, das man beständig wieder zur »alten Größe« restaurieren müsse. Sie bringen ein paranoides Weltbild zum Ausdruck, das heute noch in den USA virulent und von Einfluss ist. Leider gehören diese Phrasen und ihre ideologischen Hintergründe zu den vielen Dingen, die Regisseur Clint Eastwood in seinem Hoover-Biopic zwar nennt, für deren nähere Beleuchtung er sich aber wenig interessiert.

Eastwood verfilmt hier ein Drehbuch von Dustin Lance Black, der sich als Autor von Milk einen Namen gemacht hat. Die bekannten´Ereignisse hakt er hier ganz als der biedere Regiehandwerker ab, als der er sich in den letzten Jahren immer mehr erwiesen hat: Von den »Hammer Raids«, bei denen Hoover noch in untergeordneter Funktion zum ersten Mal Jagd auf Linke und Anarchisten machen durfte, über die Verfolgung der »public enemies« samt Erschießung von John Dillinger, die Lindbergh-Baby-Entführung, das Kennedy-Attentat, Hoovers Feindschaft mit Martin Luther King bis hin zu seiner Verachtung für Nixon, das alles fliegt in Form von Kurzauftritten bekannter Schauspieler, gefilmt in stylish zum Schwarz-Weiß hin desaturierten Farben vorbei, ohne haften zu bleiben.

Irgendwann wird klar, dass es tatsächlich nicht die große Historie ist, für die sich Eastwood interessiert, sondern doch eher die kleinen Geschichten, beziehungsweise jene eine, die heute, gut 40 Jahre nach Hoovers Tod, immer als Erstes angesprochen wird, wenn von ihm die Rede ist: War er schwul? Man kann Eastwood und Autor Black zugutehalten, dass sie nicht auf spekulative »Enthüllungsszenen« setzen, sondern eine vermeintlich nüchterne Sichtweise präsentieren. Ja, die erste Begegnung zwischen Hoover und seinem späteren Stellvertreter Clyde Tolson zeigen sie als Liebe auf den ersten Blick – zwischen zwei Männern, die sich nicht für schwul halten. Die lebenslange Freundschaft bei enger Zusammenarbeit und täglichen Lunch- und Dinnerdates interpretieren sie als unterschwellig homoerotisch mit nur einem verunfallten Verzweiflungskuss. Tolson wäre vielleicht für mehr bereit gewesen, aber Hoover, streng gewarnt von seiner homophoben Mutter, konnte es nicht ausleben. Fast merkt man dem Film den Stolz darauf an, die »schlüpfrige Angelegenheit« hier so geschmackvoll herunterzuspielen. Wenn da nicht gleichzeitig diese Fixierung darauf wäre, die keinen anderen Punkt in Hoovers Leben finden kann, der interessanter erscheint. Und dabei erzählen nicht nur diverse Verschwörungstheorien von viel Ungereimtheiten´und Machtmissbräuchen, die zu enthüllen vielleicht lohnender wäre.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns