Kritik zu Im Zweifel glücklich

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Als Autor, Produzent und Schauspieler hat sich Mike White auf die vielgestaltigen Weisen des Unwohlseins im westlichen Wohlstand spezialisiert. In seinem neuen Film verkörpert Ben Stiller einen Mann im klassischen Ü40-Sinnkrisen-Modus

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Brad Sloan hadert mit seinem Leben. Zwar hat er eine äußerst liebenswerte Frau, Lehrerin von Beruf, und einen prächtig gelungenen Sohn, talentierter Jungkomponist, und er selbst geht einer sinnvollen Arbeit in seinem kleinen Non-Profit-Unternehmen in Sacramento nach. Doch er leidet an einer weit verbreiteten Macke: Er vergleicht sich mit Leuten, die materiell erfolgreicher sind. So wie seine Studienfreunde. Der eine von ihnen ist Bestsellerautor, ein anderer managt seinen eigenen Hedgefond und fliegt im Privatjet umher; ein dritter wiederum hat seine Firma verkauft und lebt nun mit zwei exotischen Schönheiten auf einer Karibikinsel. Wie soll Brad da mithalten? Seine Midlife-Krise offenbart sich, als Brads einziger Angestellter kündigt. »Als wollte es mir die Welt richtig heimzahlen«, denkt Brad, und dann wird auch noch sein Sohn Troy flügge. Zeit, sich für ein College zu entscheiden. Also gehen Vater und Sohn auf eine Besichtigungstour an die Ostküste. In deren Verlauf vergleicht sich Brad mit seinem Sprössling, der jene ­Zukunft noch vor sich hat, deren Versprechen der Vater nicht einlösen konnte.

Ben Stiller verkörpert diesen Menschen, an dem Unzufriedenheit und Selbstzweifel böse nagen, und damit erweist sich dieser Hollywoodstar einmal mehr als Spezialist für nicht mehr ganz junge Männer in der Sinnkrise. Von »Greenberg« über »Das erstaunliche Leben des Walter Mitty« bis hin zu »Gefühlt Mitte Zwanzig« und jetzt »Im Zweifel glücklich« erstreckt sich die Bandbreite der Porträts unauffälliger Antihelden, die vor allem eines gemeinsam haben: Stillers bohrenden Blick, dem nicht behagt, was sich ihm darbietet. »Brad's Status« lautet der treffendere Originaltitel von Mike Whites Spielfilm, und diesen Status versucht Brad Sloan in einem so permanenten wie wortreichen Voiceover zu bestimmen: Die laufenden Kommentare in seinem Kopf bilden eine ganz eigene Tonspur – Brads ­Gedanken über sich selbst kannibalisieren den größten Teil seiner Zeit und Energie. Das ist grundtraurig, doch der Melancholie seiner Lebensabschnittsbilanz entspricht unbedingt die teils sehr komische Peinlichkeit, mit der dieser Mann immer wieder agiert, wenn er versucht, entschieden selbstbewusst zu wirken – etwa beim Einchecken am Flugzeug, wo ihm das Upgrade in die Business-Class verwehrt wird, weil er sein Economy-Ticket als Schnäppchen erworben hatte.

Tatsächlich ist Brad ein eher schüchterner und sensibler Mensch. In Boston kommt es dann zur Begegnung mit einem der alten Freunde, dem gefeierten Buchautor, wodurch Brad sein unspektakulärer Mittelklassestatus umso schmerzhafter bewusst wird. Bis er dann endlich durch eine klare Ansage begreift, dass es sehr wohl einen Unterschied gibt zwischen einem sogenannten erfolgreichen Leben und einem glücklichen. Dass dem Zuschauer diese Erkenntnis ohne erhobenen Zeigefinger quasi untergejubelt wird, ist dem Regisseur Mike White, einem der originellsten in Hollywood, zu danken: Er begleitet seinen zerquälten Durchschnittshelden mit viel Empathie durch die Fatalitäten von Vergleichskultur und Statusangst, aber auch mit leiser Kritik.

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