arte-Mediathek: »Ich hatte nur das Nichts«
Guillaume Ribots Dokumentation erinnert an die mühsamen Dreharbeiten zu Claude Lanzmanns epochalem Film »Shoah«
Aus heutiger Sicht ist die Botschaft von »Shoah« klar. Doch 1973, als der Regisseur das epochale Projekt begann, hatte er lediglich eine vage Ahnung. Denn in den bis dahin musealen Darstellungen des Holocausts fehlte stets etwas Entscheidendes: der Tod in den Gaskammern, aus denen niemand zurückkam. »Was bedeutet es, nackt bei minus zwanzig Grad zu warten, bis man vergast wurde?«
Claude Lanzmanns Film veränderte die Perspektive auf das industrialisierte Morden. Mit jenen Zeitzeugen, die bis dahin weitgehend ignoriert worden waren, wurde der Holocaust erstmals zu einem Grauen, das im Hier und Jetzt des Zuschauens im Kinosaal lebendig wurde. Insbesondere die Schilderungen des Friseurs Abraham Bomba, der entkleideten Frauen vor ihrer Vergasung noch die Haare schneiden musste, erschüttern noch heute. Der französische Regisseur und Fotograf Guillaume Ribot macht die zwölfjährige Entstehungsgeschichte von »Shoah« transparent. Dabei stützt er sich auf 220 Stunden unveröffentlichtes Filmmaterial sowie auf Lanzmanns Worte aus seiner Autobiografie »Der patagonische Hase: Erinnerungen« (2010).
Das Thema der Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch Ribots Dokumentarfilm. So vermochte Abraham Bomba seine Erinnerungen erst dann in Worte zu kleiden, als er vor der Kamera auch wieder Haare schnitt. Indem er also jene Bewegungen und Gesten wiederholte, die er seinerzeit vor der Gaskammer vollführte. Abraham Bombas Worte sind wie eine Urkunde des Grauens. Nicht zufällig hebt Ribots Rekonstruktion auch einen wichtigen Moment hervor, der das Alleinstellungsmerkmal des Films »Shoah« betrifft. So betont Lanzmann, dass er sich im Zuge des Entstehungsprozesses des Films seiner Sache eigentlich sehr sicher war; er wollte gar nicht dorthin reisen, wo die meisten Vernichtungslager waren, nach Polen. Denn das, was der Regisseur angesichts der musealen Überreste des Lagers Treblinka dort zu sehen bekam, war »anders als das, was ich von Bomba erfahren hatte«. Lanzmann erklärt: »Ich fühlte nichts«.
Doch dann geschah es: »So wenig ich beim Anblick der Erinnerungsstätte empfand, so sehr erschütterte mich das Ortsschild: Treblinka gibt es wirklich!« Diese Erschütterung, die seinerzeit das Ortsschild »Treblinka« in Lanzmann erzeugte, steht pars pro toto für jene Wirkung, die sein Film für die Erinnerungskultur haben sollte. »Shoah« wurde zu einem »Ortsschild« für den Holocaust. Das Thema der Shoah, so Lanzmann, ist der Tod an sich. Mehrmals sei er nahe dran gewesen, aufzugeben, denn: »Ich hatte nur das Nichts«.
»Dennoch«, so Lanzmann weiter, »habe ich 12 Jahre lang ohne Ausflüchte versucht, in die schwarze Sonne der Shoah zu schauen«. Aus dem Mund von Claude Lanzmann kann die »schwarze Sonne der Shoah« lesbar gemacht werden als Sprachbild für etwas, wofür es kein reales Bild gibt. Das Nichts der Gaskammern. So könnte man auch die Wirkung von Guillaume Ribots Rückblick auf die Arbeit von Lanzmann zusammenfassen.
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