Kritik zu Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

© 20th Century Fox

2013
Original-Titel: 
The Secret Life of Walter Mitty
Filmstart in Deutschland: 
01.01.2014
L: 
111 Min
FSK: 
6

Steven Spielberg, Ron Howard und einige andere bissen sich an diesem Stoff die Zähne aus. Nun hat Ben Stiller das Remake einer Danny-Kaye-Komödie gedreht – und sein ganz eigenes Ding daraus gemacht

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.3
3.3 (Stimmen: 10)

Zu den vielen erstaunlichen Aspekten von Das erstaunliche Leben des Walter Mitty gehört die Tatsache, dass es diesen Film nun gibt. Über Jahrzehnte hinweg schien es, als müsste das Projekt auf ewig in Hollywoods Development-Hölle schmoren. Wenn so etwas passiert, kann das juristische, finanzielle oder personelle Gründe haben – oder schlichtweg daran liegen, dass der Stoff nicht in den Griff zu bekommen ist. Die Tagträume des Walter Mitty sind offensichtlich so ein Fall. Die Ausgangsidee verfügt über jede Menge Potenzial, aber für eine schlüssige Story, die einen kompletten Film zu tragen vermag, mangelt es ihr doch an Substanz und Komplexität.

Ben Stiller
1947, als Norman Z. McLeod die gleichnamige Kurzgeschichte von James Thurber zum ersten Mal adaptierte, war das noch kein Problem. Danny Kaye, hemmungslos chargierend und lustvoll von einer Fantasie in die nächste hüpfend, machte daraus ein komödiantisches Heimspiel, das vor allem als Nummernrevue funktionierte. Ben Stiller (als Regisseur und Hauptdarsteller) und sein Autor Steve Conrad zielen da naturgemäß höher. Den Protagonisten, einen schüchternen und weltfernen Fotoarchivar beim New Yorker »Life Magazine«, lassen sie nur anfangs in heroische Hirngespinste abdriften (die sich wie erstaunlich aufwendige und durchaus witzige Parodien aktueller Superhelden-Movies anfühlen). Als Mitty ein wichtiges Negativ abhanden kommt, schicken sie ihn jedoch auf eine echte eskapistische Reise, deren Stunts – darunter der Sprung aus einem Helikopter und die Flucht vor einem ausbrechenden Vulkan – den explosiven Gehalt der Träume fast noch übertreffen.

Neben diese recht klischeehafte Mannwerdung eines Kindskopfs setzt das Drehbuch noch eine Reihe anderer Themen. Es geht um den Tod des Printjournalismus, um Internet-Dating (Mitty traut sich nicht, seine von Kristen Wiig gespielte Kollegin anzusprechen), um die Marotten eigenwilliger Starfotografen (Sean Penn mit einem denkwürdigen Cameo) und nicht zuletzt um die eisigen Methoden des Kapitalismus (wie die meisten seiner Kollegen wird auch Mitty gefeuert).

Ben Stiller
Schlüssige Storys sehen anders aus, aber Stiller gelingt es trotzdem, diesen Wirrwarr der Stile und Motive in eine mindestens unterhaltsame Form zu bringen. Von der liebevollen Titelsequenz bis zu den kuriosen dramaturgischen Schlenkern – darunter eine köstliche Benjamin Button-Veralberung – strotzt seine Inszenierung vor erzählerischer Lust und beharrt auf einer Eigenwilligkeit, wie man sie auf diesem Level sonst kaum zu sehen bekommt. Stiller bietet leisen Humor und lauten Slapstick, naive Romantik und bitteren Zynismus. Alles ist so übertrieben und unwahrscheinlich, dass man sich ganz dem Moment hingeben kann, dem schrägen Charme und der visuellen Brillanz. Die ästhetischen und erstaunlich tiefenscharfen Bilder von Kameramann Stuart Dryburgh verleiteten einen amerikanischen Kritiker zu der Einschätzung, der Film sähe so aus, als sei Akira Kurosawas Ikiru zu einem 114-minütigen Super-Bowl-Werbespot verarbeitet worden. Man kann Mitty einiges vorwerfen, aber nicht, dass er kein Risiko einginge.

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