Kritik zu Gut gegen Nordwind

© Sony Pictures

2019
Original-Titel: 
Gut gegen Nordwind
Filmstart in Deutschland: 
12.09.2019
L: 
122 Min
FSK: 
keine Beschränkung

In der Verfilmung eines Bestsellerromans von David Glattauer wird ein E-Mail-Irrläufer zum Auslöser einer virtuellen Romanze, in der sich zwei Unbekannte mit viel Wortwitz annähern

Bewertung: 3
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Spätestens seit ­»e-m@il für dich« (1998) sind Begegnungen via Internet ein beliebter Filmstoff geworden. Zuletzt ging es in der französischen Tragikomödie »So wie du mich willst« um das digitale Einfädeln einer Romanze, die allerdings im Reich der Fantasie hängenblieb. Denn der Schritt vom virtuellen Austausch zweier Unbekannter hin zur realen Begegnung ist ein Wagnis, ist doch die Gefahr groß, dass sich mit dem Traumbild zugleich Illusionen verflüchtigen. Auch in der Verfilmung eines Bestsellers von David Glattauer strebt die Handlung auf den Moment der finalen Enthüllung zu. Alles beginnt mit einem Buchstabendreher in der Adresszeile: bei Leo ploppt die E-Mail von Emma auf, die ein Zeitschriftenabo kündigen will. Aus einem schnippischen Wortwechsel entspinnt sich eine digitale Konversation, in der sich die beiden Unbekannten näherkommen – bis irgendwann die Frage im virtuellen Raum steht, ob man sich nicht mal in der Realität treffen solle. 

Der auf dem Witz und der Schlagfertigkeit der Gesprächspartner basierende Charme der Romanvorlage kommt auch im Film zur Geltung, wenn sich diese beiden beredten Zeitgenossen – Leo ist gar Linguist – via Internet necken, trösten, angiften und schließlich anschmachten. Doch die Herausforderung besteht darin, das getippte Wort jenseits von Bildschirmen mit Leben zu füllen. Trotz zweier sympathischer Darsteller, Alexander Fehling und Nora Tschirner, kommt die Geschichte nicht recht in Fahrt. Indem Regisseurin Vanessa Jopp die Handlung zweiteilt, bremst sie die Dynamik aus. In der ersten Hälfte wird Leo vorgestellt, der private Krisen durchlebt, während Emma, von Leo liebevoll Emmi genannt, als Offstimme präsent ist. In der zweiten geht es vorrangig um Emmis Alltag. Wenn das Bedürfnis, sich in natura kennenzulernen, immer drängender wird, lässt Jopp das Paar etwa in Überblendungen und auf zwei Seiten einer Supermarktregalwand gemeinsam auftreten. 

Trotz dieser Einfälle dominiert eine Wohltemperiertheit, die an Langeweile grenzt. Der Zauderer Leo, der niemand wirklich an sich ranlässt und eine Off-On-Beziehung mit Marlene führt; Emma, Gattin eines netten Dirigenten mit zwei Stiefkindern, die einen Hauch von »desperate housewife« hat: Es fehlt dem Herzeleid, in das sich die beiden verbal hineinsteigern, schlicht an dramatischer Fallhöhe und Risiko. Zwar verleiht das Einschalten einer dritten Partei dem virtuellen Flirt einen Hauch von Intrige im Stil des Briefromans »Liaisons dangereuses«. Doch das Schmachten und aktive Sichverpassen wirkt wie der Versuch, komfortablen Existenzen etwas Würze zu verleihen. Und Hand aufs Herz: Ist es wirklich glaubhaft, dass die zwei das Verbot durchhalten, das Aussehen ihres Gegenübers zu ergoogeln – zumal etwa Emma keine Gewissensbisse hat, Leo über ihren Familienstand, nun, nicht direkt zu belügen, aber lange im Unklaren zu lassen? Wenn Jopp der eskapistischen Romanze zur Steigerung der Dramatik ein aus zig Filmen bekanntes Ende aufpfropft, unterstreicht dies nur den Eindruck lauwarm dahinplätschernder Déjà-vus.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ich habe den Film gestern gesehen und ich muss sagen ich habe ihn genossen. Ich habe selten einen so gelungenen Liebesfilm gesehen. Jedes Wort sitzt, jede Geste ist wohl überlegt, jeder Wimpernschlag hat seine Bedeutung in der Geschichte. Die Fallhöhe ist gering, wie die Rezensentin schreibt, so gering, wie sie oft im wirklichen Leben auch ist. Hier ist nichts künstlich spannend gemacht, sondern die Spannung liegt im Detail. Ich habe ehrlich gesagt den Atem angehalten, als das Minenspiel von Ulrich Thomson verriet, dass er wohl mehr wusste als ihm lieb war. Solche Momente liebe ich, wenn Schauspieler die Möglichkeit haben, ihr Können in dieser Weise auszuspielen. Da braucht es keine Dialoge, keine großartigen Kameraschwenks, da genügt ein Gesicht, das eine Geschichte erzählt. Das ist große Filmkunst. Der Film hat eine großartige Poetik, die durch weitere Verwicklungen, um die Handlung künstlich voranzutreiben oder „spannender“ zu machen, zerstört worden wäre. Und dann der Schluss, einfach klasse!

Um es klar zu sagen, es ist Ehebruch, was uns hier so angeblich toll erzählt, vorgelebt wird, ohne jedes schlechte
Gewissen etc. Und wir fragen uns (wirklich ?) warum wir sovielefamilienprobleme (alleinerz.) Haben. Als überzeugter
Christ sehe ich diesen film sehr kritisch.

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