Kritik zu So wie du mich willst

© Alamode Film

In diesem verschachtelten Psychokrimi verfällt Juliette Binoche als Literaturprofessorin den Versuchungen der sozialen Medien und einem jungen Mann, mit dem sie unter falscher Flagge einen Internetflirt beginnt

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In der Komödie »Monsieur Pierre geht online« beginnt ein Greis mit dem Fake-Profilbild eines jungen Mannes einen Onlineflirt mit einer jungen Frau. In vorliegendem Film kontaktiert die 50-jährige Claire unter falschem Namen und dem Foto einer jungen Blondine den 24-jährigen Alex, der sich in sie verliebt. Das Drehbuch ähnelt sich zunächst: Wo das virtuelle Flirten ganz handfest Schmetterlinge im Bauch erzeugt und die Alltagstristesse aufpeppt, so ist der platonischen Liebe doch von Anfang an ihr Ende eingeschrieben. Das geschieht meist dann, wenn das schmachtende Gegenüber auf ein Treffen in Fleisch und Blut drängt, was komplizierte Betrugsmanöver nach sich zieht. Doch der Tag der Offenbarung, an dem, auf komödiantische oder tragische Weise, die Realität und mit ihr heftige Gefühle von Desillusion, Verrat und Demütigung zu ihrem Recht kommen, ist unausweichlich.

Die bisher abgründigste filmische Internetromanze war das deutsche Drama »Goliath96«, in dem eine Mutter ihren depressiven Sohn mittels eines Fake-Accounts aus seinem Zimmer zu locken versucht. In der Verfilmung eines Romans von Camille Laurens wird das Internetthema dagegen in einen Kokon von weiteren Geschichten eingesponnen und die Vorstellung von Fiktion und Realität als kommunizierende Röhren literarisch ausgeweitet. Claire also, geschieden und zweifache Mutter, stalkt ihren abtrünnigen jungen Geliebten Ludo im Internet und erblickt auf Facebook seinen WG-Kumpel Alex. In einer Rahmenhandlung beichtet Claire ihre Netzeskapaden einer Psychotherapeutin. Von dieser ermutigt, schreibt Claire ihre virtuelle Affäre in einem autofiktionalen Roman fort, in dem Wunschtraum und Schuldgefühl kollidieren. Über allem schwebt ein literarischer Überbau: Die Literaturprofessorin doziert in ihrer Vorlesung über Choderlos de Laclos und dessen Briefroman »Liaisons Dangereuses«, in dem Menschen mittels geschriebener Worte zu Tode manipuliert werden.

So entpuppt sich die gefährliche Versuchung der sozialen Medien – die Möglichkeit, mehrere Identitäten anzunehmen – als nur eine Facette eines intellektuellen Vexierspiels über die Zerstörungskraft des Begehrens. Doch was in Buchform wohl funktioniert, wirkt in Filmform bald gedrechselt. Sicher, Juliette Binoche hat auch als 50-jährige Claire, die sich wie ein verliebtes Girlie benimmt, ein Lächeln, bei dem einem halb so alten Mann die Knie zittern mögen. Ihr Borderline-Verhalten nimmt man dieser gestandenen Professorin und Mutter aber nicht ab. Ihre Fantasien, in denen der Lover im Lotterbett Rilke zitiert, wirken unfreiwillig komisch. Mit Spiegelungen und surrealen Einstellungen, in denen Claire Alex im Alltagsgetümmel der Großstadt unbemerkt anlächelt, versucht Regisseur Nebbou zwar auch optisch die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zu überblenden. Die stimmungsvollen Bilder jedoch können die unstimmigen Details, von denen die verschachtelte Handlung vorangetrieben wird, nicht überdecken. In seiner Mischung aus Preziosität und klobiger Inszenierung wirkt dieser Psychokrimi mehr »campy« als anregend.

Meinung zum Thema

Kommentare

"Ihre Fantasien, in denen der Lover im Lotterbett Rilke zitiert, wirken unfreiwillig komisch." - Was bitte war an der Szene komisch?

Die Effekthascherei durch dramaturgisch unstimmige Schockelemente ist kaum zu ertragen: erst der angebliche Suizid, der sich dann doch als erfunden erweist, dann der ganz und gar unplausible tödliche Unfall, der natürlich auch nur Fiktion ist. Mit solchen plumpen Effekten zerstört der Autor/Regisseur jede Chance auf subtile Gestaltung des Stoffes.

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