Kritik zu Gloria Mundi

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Nach dem lichten, heiteren »Das Haus am Meer« wechselt Robert Guédiguian den Erzählton. Auch dies eine Parabel auf Wandel und Hinterlassenschaft, aber nun verdüstert sich sein Blick angesichts der sozialen Verhältnisse

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Ihre Gesten wirken einen Hauch erschöpfter, ihre Schritte sind langsamer. Mürbe hat der Alltag sie nicht gemacht, aber man spürt, dass Robert Guédiguians Figuren mit ihrem Regisseur älter geworden sind. Doch von Altersmilde keine Spur. Die Wut des großherzigen Filmemachers über die Verhältnisse hat nicht nachgelassen. Aber diesmal fehlt ihm der Elan, ihnen Zuversicht abzutrotzen.

Dabei beginnt sein neuer Film mit dem ursprünglichsten Versprechen überhaupt: einer Geburt. Mathilda und Nicolas sind glückliche Eltern einer Tochter geworden, deren Name Gloria das Versprechen bekräftigt. Auch das Glück der Großeltern Sylvie und Richard ist groß. Erst mit dem Auftauchen ihrer Tochter Aurore und ihres Freundes Bruno tritt ein leiser Misston auf den Plan. Guédiguian inszeniert die Zusammenkunft der Familie auf der Entbindungsstation mit einem feinen Gespür für das Timbre des Augenblicks. Vorerst lässt sich noch nicht erahnen, was sie trennen wird, aber eine Spur ist ausgelegt.

Bald wird sich ein klaffender Abgrund auftun zwischen Bescheidenen und Unbescheidenen. Die Putzfrau Sylvie und der Busfahrer Richard sind bereit, alles für ihre Familie zu geben. Zu ihnen gesellt sich der leibliche Großvater Glorias, Daniel, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und nun da sein will. Aurore und Bruno hingegen haben nur Verachtung für soziale Verlierer. Sie betreiben ein Secondhandgeschäft, in dem sie Kunden und Angestellte nach Kräften ausbeuten. Die jungen Eltern stehen zwischen diesen beiden Positionen. Nicolas träumt vom großen Geld als Uber-Chauffeur, und Mathilda bangt um ihren Job als Verkäuferin. 

Die Gründlichkeit, mit der Guédiguian dem Egoismus der Ladenbesitzer immer neue Aspekte verleiht, bereitet ihm keine Genugtuung. Man spürt, wie schwer es ihm fiel, diese Figuren zu zeichnen; es wäre ihm gewiss lieber, wenn er ihnen mehr Sympathie schenken könnte. Als Verkörperung des Macron'schen Neoliberalismus sind sie reichlich schematisch geraten. Es ist dennoch Raum für Ambivalenz in dieser Personenkonstellation. Die Generation der Großeltern steht nicht notwendig auf der »richtigen« Seite. Auch sie ist von der Entsolidarisierung betroffen: Sylvie weigert sich, bei einem Streik mitzumachen, weil sie um ihre Arbeit fürchtet. Dass Nicolas von militanten Taxifahrern überfallen wird, ist eine Volte, die man dem linken Utopisten Guédiguian auf Anhieb nicht zugetraut hätte.

Seine Vision der gesellschaftlichen Spaltung Frankreichs ist wahrhaft düster. Die Art, wie er Marseille zeigt, besiegelt seinen Befund. Der alte Hafen ist aller Romantik beraubt, er wird bevölkert von ignoranten Touristen und von Militär; am Kai haben Flüchtlinge ihre Zelte aufgeschlagen. Der angestammte Lebensraum seiner Charaktere ist durch Gentrifizierung bedroht, mit kalter Arroganz ragen Hochhäuser über das einst multiethnische Viertel, das nun als Pres­tigeprojekt »Euroméditerranée« glänzen soll. Allein bei dessen Namen kann einem schon mulmig werden.

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