Kritik zu Das Haus am Meer

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Robert Guédiguian blickt in seinem 20. Film aufs eigene Werk zurück

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Die kleine Bucht in den Felsen der Calanques bei Marseille ist ein unspektakuläres Paradies. Über den Häusern erhebt sich eine Eisenbahnbrücke mit rasenden Zügen, Sinnbild für das Vergehen der Zeit, die auch diesen stillen Winkel nicht verschont. Die meisten Häuser sind verlassen, denn für die Besitzer ist es lukrativer, sie an Touristen zu vermieten, als sie zu bewohnen. Auf der Suche nach Bootsflüchtlingen patrouillieren Soldaten durch die Gegend. »Was soll's«, heißt es zum Auftakt aus dem Off. Es sind die letzten Worte eines Mannes, bevor ihn, auf der Hausterrasse mit Blick aufs Meer, der Schlag trifft. Nun folgt der Auftritt der erwachsenen Kinder, die entscheiden müssen, wie es mit dem Vater und seinem Erbe weitergeht.

Auch in seinem 20. Film versammelt Regisseur Guédiguian seine »Familie«: Ehefrau Ariane Ascaride als Theaterschauspielerin Angèle, die mit ihrem Vater gebrochen hat; Gérard Meylan als Bruder, der das väterliche Lebenswerk, ein kleines Fischrestaurant, weiterführt; und Jean-Pierre Darroussin als verbitterter Linker, der mit seiner jungen Freundin anreist. Wie auf einer Bühne variiert das Trio die Themen, die Guédiguian seit jeher umtreiben: die Kunst als Vergrößerungsspiegel des Menschlichen, die Einlösung der Versprechen der kommunistischen Utopie durch tatkräftige Nächstenliebe; die Frage »what's left«, als deren Sprachrohr der einstige Professor, Gewerkschaftsführer und frisch gekündigte Manager Joseph auftritt. Seine Krise rührt auch von dem Wissen, dass seine Freundin seinen Zynismus nicht mehr lange ertragen wird.

Zeitweise wirkt das Familiendrama wie die unironische Antwort auf Denys Arcands Satire »Die Invasion der Barbaren« (2003), in der sich die dem Kapitalismus anheimgefallenen Kinder um das Sterbebett eines linken Akademikers ver­sammeln. Guédiguian verortet seine gealterten Protagonisten zusätzlich im Milieu wortkarger Schaffer. Den Part der »barbarisch« geschäftstüchtigen Generation übernimmt – die drei Geschwister sind kinderlos – der Nachbarssohn. Guédiguian schert sich bei der Illustration seiner Thesen nicht um Glaubwürdigkeit; so ist ein theaterbegeisterter Fischer, Ideal eines gebildeten Handarbeiters, in seiner Fixierung auf Angèle ein im Grunde gruseliger Verehrer. Und doch gelingt es dem Regisseur erneut, das Flair des Ortes, die Anmut der Darsteller, die Menschlichkeit ihrer Handlungen so stimmig zusammenzuführen, dass man ihm sogar die vorhersehbare Schlussvolte abnimmt. Wenn die Geschwister dank großer Flüchtlingskinderaugen wieder zueinander finden, wird Günter Eichs 68iger Motto »Sei Sand, nicht Öl, im Getriebe der Welt« erneut relevant.

Höhepunkt der zwischen Nostalgie und Melancholie flirrenden Handlung ist aber ein Selbstzitat, Guédiguians Flashback auf seinen dritten Film »Ki lo sa« von 1985, in dem sein Schauspielertrio in junger, energiegeladener Version an exakt demselben Hafen zu sehen ist. Am Ende, so weiß der Mittelmeerverehrer Guédiguian, hilft immer der Blick aufs unendliche Blau.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der klugen Kritik ist nicht viel hinzuzufügen, außer: der Film ist schön und lebensnah, und er zeigt neben dem Sterben einer Generation die sympathische Ratlosigkeit der nachfolgenden Generation, die doch alles anders machen wollte. Nur wird man nirgendwo einen so in die Künste verliebten Fischer finden wie hier. Gibt es überhaupt noch Fischer in den Calanques ? Doch das stört den Gesamteindruck überhaupt nicht. Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen !

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