Kritik zu Detroit

© Concorde Filmverleih

Kathryn Bigelows erster Film seit »Zero Dark Thirty« erzählt ein weiteres Mal von Zeitgeschichte: So akribisch wie überwältigend rekonstruiert er eine Episode der Rassenunruhen des Jahres 1967 in Detroit – streckenweise als brutales Kammerspiel

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Wenn es den »Summer of Love« jemals gab, muss er in sehr weiter Ferne stattgefunden haben. Im Detroit des Juli 1967 jedenfalls regiert der Hass. Fünf Tage währen die Zusammenstöße zwischen überwiegend schwarzen Protestierern und Sicherheitskräften. 43 Todesopfer und fast 1 200 Verletzte sind am Ende zu beklagen. Eine einzelne Episode des blutigen Chaos nimmt Kathryn Bigelows neuer Film genauer unter die Lupe: Anhand von Protokollen und Augenzeugenberichten rekonstruiert er den sogenannten »Algier Motel Incident«, bei dem Verdächtige über mehrere Stunden hinweg in einem Motel verhört und gequält wurden, da die Polizisten annahmen, dass aus dem Motel auf sie geschossen worden war.

Die Eskalation dieser Verhöre, die von Rassismus befeuerte Brutalität der Beamten wie die Hilflosigkeit der Verdächtigen schildert Bigelow in atemloser Dynamik, mit Handkamera und schnellen Schnitten. »Detroit« ist über weite Strecken eine ungewöhnliche Variante eines »Home Invasion Thriller«: Das Motel, das eigentlich Schutz vor dem Chaos auf den Straßen bietet, wird von Sicherheitskräften belagert, die Unheil über friedliche Menschen bringen. Der Film zeigt diese Perversion von »Recht und Gesetz« mit schwer erträglicher und lange nachwirkender Härte.

Kathryn Bigelow und ihr Drehbuch­autor/Produzent Mark Boal, mit dem sie bereits bei »The Hurt Locker« und »Zero Dark Thirty« zusammengearbeitet hat, liefern zunächst eine doppelte Rahmung für die Haupthandlung: Ein Prolog mit Gemälden der »Migration Series« des schwarzen Künstlers Jacob Lawrence skizziert den sozialgeschichtlichen Hintergrund der Detroiter Aufstände, erzählt von Unterdrückung, Armut und Ghettoisierung.

Eine lange Montagesequenz wirft den Betrachter dann mitten hinein in den Beginn der Unruhen. Es sind fragmentarisch montierte, aufwühlende Szenen – darunter auch kaum von den Inszenierungen unterscheidbare Archivdokumente von hemmungslosen Knüppelattacken der Polizei, von Plünderungen und Vandalismus, von Übergriffen gegen Feuerwehrleute und Schüssen auf unbewaffnete Flüchtende. Bereits in dieser Passage schälen sich ein paar Hauptfiguren der Motelhandlung heraus, gestaltet nach realen Beteiligten bzw. Opfern des Geschehens im Algiers und gespielt von einem exzellenten Cast, darunter John Boyega (»Star Wars«) und Will Poulter (»The Revenant«). Da sind zwei junge Streifenpolizisten, deren Wut auf die Schwarzen sich schon in den Stunden zuvor aufschaukelt; da ist eine Soulband, deren Sänger sich mit einem Freund ins Algiers flüchtet, und ein schwarzer Rückkehrer aus dem Vietnamkrieg; da sind zwei weiße junge Toristinnen und der Mitarbeiter einer Securityfirma, der einen Laden in der Nachbarschaft bewachen soll. Als einzigem Schwarzen in Uniform wird ihm eine besonders tragische Rolle zukommen, gerade weil er vermitteln will.

Gut und Böse scheinen nur auf den ersten Blick säuberlich sortiert zu sein. Ganz so einfach macht Bigelow es sich und uns glücklicherweise nicht. Neben der handwerklichen Brillanz, mit der sie eine halb dokumentarische Rekonstruktion in großes Spannungskino verwandelt, sticht der Wille zur Differenzierung heraus, der Blick für moralische Grauzonen im kammerspielhaften Setting des Motels. So vehement die Anklage gegen den tief im System verwurzelten Rassismus ausfällt, so ambivalent sind einzelne Charaktere und Verhaltensweisen gezeichnet. So berücksichtigt der Film stets die Dynamik von Provokation und Reaktion, die unselige Macht des Korpsgeists und die Folgen falsch verstandener Kompromissbereitschaft.

In spärlichen, doch umso eindrücklicheren Momentaufnahmen und im ausführlichen, nicht minder bestürzenden Nachspiel der Geschehnisse vor Gericht öffnet »Detroit« sich wieder zu einem breiter angelegten Epochenbild. Der geweitete Blick allerdings kann hier niemals beschwichtigen. Indem »Detroit« diese historische Episode dem Vergessen entreißt, wirft er zugleich ein hartes Licht auf die heutigen USA. Wie viel hat sich in diesem halben Jahrhundert seit 1967 denn wirklich ­verändert?

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