Kritik zu Der Baader Meinhof Komplex

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Vom Schahbesuch in Berlin über den Kaufhausbrand in Frankfurt bis zur Ermordung von Hanns Martin Schleyer bei Mülhausen: Uli Edel hat mit namhafter Besetzung die Geschichte der RAF nachinszeniert

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Autoscheiben splittern, Terroristen zücken Maschinenpistolen, Salven krachen, Leiber zucken, Blut spritzt. So sehen die Entführung von Hanns Martin Schleyer und die Ermordung von Siegfried Buback in Uli Edels »Der Baader Meinhof Komplex« aus. Die stakkatohaft geschnittene, mit dröhnendem Soundtrack unterlegte Gewaltexplosion ist sein visuelles Leitmotiv, der hastige Wechsel der Schauplätze, die rasche Abfolge der Ereignisse sein erzählerisches Prinzip.

»Der Baader Meinhof Komplex« ist ein hybrides filmisches Unternehmen. Mit einer publizistischen Kampagne wurde der Film schon vorab als Markstein in der Bilderproduktion über die RAF gefeiert, als erste wahrhaftige Auseinandersetzung mit dem Terrorismus im Kino. Hybrid ist nicht nur diese Anmaßung, mit Marktmacht und publizistischem Feuerschutz die Deutungshoheit über die Bilder der RAF zu reklamieren. Hybrid ist der Versuch, angeleitet von Stefan Austs Sachbuch, die Geschichte der RAF vom 2. Juni 1967 bis zum Deutschen Herbst 1977 zu erzählen – oder besser: zu bebildern. Atemlos reihen sich die Szenen aneinander: Beim Schahbesuch 1967 prügeln Polizisten besinnungslos auf Demonstranten, Josef Bachmann schießt auf Rudi Dutschke, in Frankfurt stecken Gudrun Ensslin und Andreas Baader ein Kaufhaus an, gründen die RAF, trainieren Untergrundkampf in Jordanien, jagen mit Bomben den Springer-Verlag in die Luft, überfallen Banken, rächen die erste Tote RAFlerin Petra Schelm. Zeitgeschichte im Zeitraffer, hektisch montiert und, wenn es endlich wieder kracht und wieder geschossen wird, von pulsierenden Streichern untermalt. Der Film will zeigen, wie es gewesen ist, und keine Gewalttat ungezeigt lassen. Wenn Bomben krachen, Autos in die Luft fliegen, hinter Rauchwolken Leichen mit abgetrennten Beinen sichtbar werden, ist der Film bei sich angekommen. »Der Baader Meinhof Komplex« hat ein betäubendes Tempo, aber keinen Rhythmus.

Die zentrale Figur ist Ulrike Meinhof (Martina Gedeck). Sie ist die Einzige, die so etwas wie biografische Fallhöhe hat. Edel zeigt sie, getreu Stefan Austs Version folgend, als gefallenen Engel. Die renommierte Journalistin, die aus ihrer kaputten Ehe flieht, wird vom Strudel der Radikalisierung erfasst. Martina Gedeck gibt der Meinhof etwas Passives, Gehemmtes. Sie erscheint wie eine Getriebene, die in den Terrorismus stolpert. Ihr Gegenbild ist Brigitte Mohnhaupt, die Nadja Uhl als kalte Killerin spielt. Die Botschaft ist klar: Das Gründungspersonal der RAF war noch bedingt dramenfähig, die zweite Generation bestand nur noch aus moralfreien Killerautomaten. Diese zum Klischee geronnene Deutung stammt von Aust, Eichinger und Edel kopieren sie unhinterfragt. Johanna Wokalek spielt Gudrun Ensslin schroff und hart, Moritz Bleibtreu Baader als Machofiesling. Doch keine Figur prägt sich ein, alle wirken wie in diffuses Licht getaucht. Was sie antreibt, bleibt schemenhaft. Die Dialoge sind papieren. Das liegt nicht an den Schauspielern, es liegt an dem starren dramaturgischen Korsett: der blutigen Chronik der Ereignisse.

Die einzige Figur, die aus diesem Rahmen fällt, ist der BKA-Chef Horst Herold, der mit hypermodernen Methoden die RAF jagt und der Einzige ist, der begreift, dass Terrorismus nicht vom Himmel fällt. Er weiß gewissermaßen besser als die RAF, was die RAF will. Bruno Ganz spielt ihn als entrückten Weisen. Der Film braucht Herold als Lichtfigur und Interpreten der Geschichte, weil sonst in dem Stakkato von Verfolgungsjagden und Schießereien überhaupt niemand mehr weiß, worum es eigentlich geht.

Manche hatten befürchtet, dass Eichinger und Edel eine Umschreibung der RAF-Geschichte anvisieren: eine Dekontextualisierung der RAF, eine reaktionäre Verwandlung der RAF-Mitglieder in Monster, die aus bloßer Mordlust und reinem Machtwahn töten. Andere fürchteten, dass die RAF als radical chic erscheinen würde, als ein mit Staraufgebot und Pyrotechnik inszeniertes dunkles Faszinosum. Doch »Der Baader Meinhof Komplex« ist nichts davon – oder beides nur ein bisschen. Er zeigt die RAF in szenischen Spots irgendwie als Produkt der hysterischen Reaktion des Staates auf die Revolte 1968. Ein Desaster ist dieser Film nicht, weil er eine falsche Idee bebildert. Das Desaster ist, dass er gar keine Idee hat.

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