Kritik zu Die Beschissenheit der Dinge

© Camino Filmverleih

Eine Jugend in der belgischen Provinz der 80er Jahre. Der 13-jährige Gunther wächst in einem fast reinen Männerhaushalt mit viel Alkohol auf. Ein absurdes Prolldrama – vital, komisch und schmerzlich zugleich

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Wir befinden uns in den dark ages der Popkultur: in den 80ern, der Hochzeit der Vokuhila-Frisuren, der Schnurrbärte, engen Jeans und Cowboystiefel. Und wir finden uns wieder an einem wahrlich exotischen Ort: einem gottverlassenen belgischen Kaff. Dort wächst der kleine Gunther auf – ohne Mutter. Er lebt bei seiner überforderten Oma und einer wüsten, tragikomischen Männertruppe, den berüchtigten Strobbes. Man stelle sich die Ludolfs als noch junge Männer vor. Oder die »Bonanza«-Cartwrights als verschwitzte, versoffene und unglaublich stark behaarte Losertypen, dann bekommt man einen kleinen Eindruck von diesen Strobbes – von Gunthers Vater Marcel, der bisweilen als Briefträger jobbt, und von seinen Onkeln Koen, Pieter alias »Beefcake« und Lowie, den alle »Petrol« rufen. Mit »Petrol«, dem jüngsten der Onkel, teilt sich Gunther das Zimmer, nachts kriegt er das Gestöhne und Gegrunze mit, wenn sich »Petrol« mit einer seiner zahlreichen Gespielinnen vergnügt. Beengte Verhältnisse in jeder Beziehung: Die Toilette der Strobbes befindet sich als simples Plumpsklo auf dem Hinterhof. Dieses mehr oder weniger stille Örtchen ist natürlich Symbol für den geringen sozialen Status der Strobbes, aber für Gunther stellt es auch eine Art Hochsitz dar, um die »Beschissenheit der Dinge« genau zu betrachten, dieses ganze verrückte Treiben, bestimmt von Schicksal und Körperflüssigkeiten.

Sex, Suff und Glücksspiel, daraus besteht der Kosmos der großen Strobbes. Sie haben jedoch weder Glück in der Liebe noch Glück im Spiel. Und vom Eheglück im trauten Reihenhäuschen halten sie freilich auch nicht viel. Alle Strobbes, auch der Vater Marcel, sind im Grunde Onkel: Das bedeutet im Kino seit John Wayne und »The Searchers«, dass sie mit keiner Frau zusammenleben können und eine zwiespältige, aufrührerische Inspiration sind für die nächste Generation.

Anfänglich sind die Strobbes noch komische Charakterköpfe, witzig-prollige Rebellen ohne Chance, deren Outfit einen schönbizarren Retrochic ausstrahlt. Man kennt solche Typen aus dem internationalen Kino, man findet sie in allerlei Gaunerkomödien zwischen L. A. und dem Ruhrpott. Aber Felix Van Groeningen zeichnet ein umfassenderes Bild dieses männlichen Subproletariats, das liebevoll und grausam zugleich ist.

Man hätte es eigentlich schon von Anfang an wissen müssen, dass die Strobbes eine todtraurige Truppe sind. Sie sind nämlich enthusiastische Fans von Roy Orbison, dem melancholischsten aller Rock'n'Roller. Neben dem Alkohol haben die zumeist arbeitslosen Strobbes noch eine Zufluchtsmöglichkeit: ihren Familienzusammenhalt. Wie viel der aber letztendlich wert ist, zeigt eine Szene, in der die lange abwesende einzige Schwester der Strobbes kurz in ihr Elternhaus zurückkehrt. Da erfährt sie nicht die geringste Unterstützung von ihren tumben, bequemen Brüdern. Stolz und Ehre bleiben Illusion.

Für den kleinen Gunther, der seinen Vater und seine Onkel verehrt, aber auch mit zunehmender Distanz betrachtet, gilt: Sie küssten und sie schlugen ihn. Die seltsame Männerfamilie hat einerseits Gunther geformt. Andererseits formt er sie auch selbst – wie ein Material. Denn die Geschichte wird aus der Erinnerung des erwachsenen Gunther erzählt, der Schriftsteller geworden ist.

Schicksal und Körperflüssigkeiten, Fantasie und Fiktion: Der drastische Realismus, der gerade in der Darstellung des Alkoholismus an den klassischen Naturalismus der Literaturgeschichte erinnert, ist also Gunthers persönliche Sicht der Wirklichkeit. Wie die Vergangenheit die Zukunft bestimmt, und umgekehrt. Auch davon handelt Van Groeningens komplexer Film, der nach einem autobiografischen Roman von Dimitri Verhulst (deutsch bei Luchterhand) entstanden ist. Zu dem Zeitpunkt nämlich, an dem Gunther seine Erinnerungen ausbreitet, wird er selbst – ungewollt – Vater. Vom ungewollten Sohn zum Vater wider Willen. Dem Schicksal der Körperflüssigkeiten zu entkommen, gelingt Gunther nicht ganz. Der Ausweg aus der Misere ist nicht so sehr der schriftstellerische Erfolg oder die Liebe, welche der Film am Ende allzu versöhnlich in den Vordergrund schiebt. Es ist die Poesie, die genaue Beobachtung, die Gunther seine Herkunft überwinden und den Film gelingen lässt.

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