Frankreichs Sozialkomödien: Depressionen sind für die Mittelschicht

»Alles außer gewöhnlich« (2019). © Prokino

»Alles außer gewöhnlich« (2019). © Prokino

»Alles außer gewöhnlich« handelt von autistischen Kindern und Betreuern am Rand des Nervenzusammenbruchs. Ein Film, der alles hat: Wärme, Komik und kritischen Biss.

Da ist die Obdachlose Chantal, eine vierschrötige Frau, die alles reparieren kann – und die ­gegen Ende eines jeden von ihren Betreuerinnen mühsam eingefädelten Bewerbungsgesprächs fallen lässt, dass sie wegen der Tötung ihres Ehemanns im Gefängnis saß. Immer wieder und mit Engelszungen versucht auch der Betreuer des autistischen Josephs, diesem beizubringen, dass er in der Metro nicht einfach die Notbremse betätigen darf. Die beiden Running Gags in den Filmen »Der Glanz der Unsichtbaren« und »Alles außer gewöhnlich« lösen sich überraschend auf. Chantals künftiger Arbeitgeber bedankt sich für ihre Aufrichtigkeit. Und Joseph wird von seinen Aufpassern in der Metro aus ein paar Metern Entfernung dabei beobachtet, wie er sinnend die Hand nach dem Alarmknopf ausstreckt – und sie dann zurückzieht. Uff! Eine kleine Geste und doch ein großer Schritt, für Joseph und für die Sozialarbeiter, die sich tagtäglich um ihn bemühen. Für den Zuschauer sind diese Miniaturschauspiele über Menschen, die nicht nach Plan funktionieren, aber irgendwie doch die Kurve kriegen, auf schwer erklärliche Weise zugleich amüsant und herzerwärmend.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass diese zwei dokumentarisch anmutenden Sozialkomödien im Frankreich von Reformer Emmanuel Macron eine Punktlandung hinlegten, statt sich als Kassengift zu erweisen. Beide Male geht es um den Alltag von Betreibern von Tagesstätten, in denen, mit Hingabe und Kreativität, Outcasts – obdachlose Frauen, schwer autistische Jugendliche – betreut werden. Doch gestresst werden die umtriebigen Sozialarbeiter nicht durch ihre eigentliche Berufung, sondern durch das über ihnen schwebende Damoklesschwert der Schließung beziehungsweise »Evaluierung« ihrer Arbeit durch Schreibtischtäter. Da streiten Menschenfreunde mit Herzblut gegen Technokraten, werden abstrakte Schlagworte wie Optimierung, Effizienzsteigerung, Kostensenkung durch hautnah vermittelte Realität und ihre Unvorhersehbarkeiten ad absurdum geführt. Als Plädoyer für ein humanes Sozialsystem, in dem die Schwächsten der Gesellschaft nicht kostensparend verwahrt werden, sondern es darum gehen muss, ihnen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, sind beide Filme, auch dank ihres sich aus tatkräftigem Pragmatismus speisenden Humors, ziemlich wirkungsvoll.

»Alles außer gewöhnlich« (2019). © Prokino

Die Komödie ist seit jeher die Königsdisziplin des französischen Kinos und immer dann besonders erfolgreich, wenn das Lachen die Funktion eines Ventils hat. Hier ist man böse und boshaft, hier darf man es sein. In Blockbustern wie »Monsieur Claude und seine Töchter« und »Willkommen bei den Sch'tis« wird etwa ausgelotet, wie viel Schabernack man mit Vorurteilen treiben darf. Etwas anders verhält es sich mit dem weltweit erfolgreichsten französischen Film »Ziemlich beste Freunde«, in dem sich, inspiriert von einer wahren Geschichte, ein aus dem Knast entlassener Taugenichts aus der verrufenen Cité zum Pfleger und besten Kumpel eines vom Hals abwärts gelähmten Millionärs entwickelt. Vielleicht diente dieser unkategorisierbare Film als Auslöser für französische Filmemacher, um nach neuen Wegen zu suchen, tabuisierte und ignorierte Missstände ins Licht zu rücken. Sie drehen sozial engagierte Filme über gesellschaftliche Härten, die frei sind von bleischwerer Betroffenheitsattitüde, und in denen man zum Lachen oder zumindest zum Lächeln gebracht wird, aber auch dazu, sich hinterher zu fragen: War das jetzt eine Komödie, oder was?

Als komödiantischer Brennstoff dienen oft Laiendarsteller, die mitten aus dem Leben geholt wurden. Charaktere wie Chantal und Joseph verleihen dem Geschehen jenseits einer effekthascherischen Realityshow eine Authentizität, die irritiert und aufhorchen lässt. Nicht nur in »Der Glanz der Unsichtbaren« und »Alles außer gewöhnlich«, die von wahren Geschichten inspiriert sind und deren Ensembles sich zum Großteil aus einst obdachlosen Frauen und autistischen Jugendlichen zusammensetzen, treten Menschen, die sich selbst spielen, vor die Kamera. So wird etwa in »Ein Dorf zieht blank« auf eine entsetzliche Zahl hingewiesen: Laut Statistik nehmen sich in Frankreich jährlich 300 Landwirte, meist durch Erhängen, das Leben. Mit Unterstützung von Laiendarstellern, rekrutiert aus den Einwohnern jenes namentlich genannten Dorfes, wird in dem Film auf komödiantische Weise ein ganzes Bündel aktueller Probleme – Landflucht, insolvente Landwirte, sogar die in Frankreich zu jener Zeit grassierenden Veganer-Randale in Metzgereien – präsentiert. Eine Streikszene wirkt wie die Blaupause für die Gelbwesten-Proteste.

Von einer Authentizität zweiter Ordnung ist »Ein leichtes ­Mädchen« beseelt. In der Titelrolle ist Zahia Dehar, eine ehemalige Escortdame, die als minderjährige Gespielin von Franck Ribéry und weiteren Starfußballern der Auslöser eines Prostitutionsskandals war, zu sehen. Sie verkörpert eine junge Frau, die sich von reichen Männern aushalten lässt und mit ihrer bewundernden Cousine im Schlepptau einen Sommer lang auf der Yacht kultivierter Müßig-gänger an der Côte d'Azur ein- und ausgeht. Der hintergründige Witz dieses sinnlich aufgeladenen Porträts liegt nicht nur im gekonnten Spiel mit Dehars Image. Die eigentliche Provokation besteht darin, dass Regisseurin Rebecca Zlotowski Sofia alias Zahia, eine sich prostituierende Frau migrantischer Herkunft, nicht von oben, als bemitleidenswertes Opfer, betrachtet. Sie zeigt sie vielmehr als moderne Kameliendame ohne Schwindsucht; als reflektierte und zielstrebige Person, die genau weiß, was sie nicht will: eine durch Sparen und Stechuhr bestimmte Malocher-Existenz. Was anfangs als lässiger Sommerfilm daherkommt, entpuppt sich als bitterzarte Sozialkomödie, wenn deutlich wird, dass mit Eros und Schönheit nur kurzzeitig die Klassengrenzen überwunden werden können. Ein Kameraschwenk auf die umliegenden Yachten aber, auf denen sich andere Schönheiten im Bikini räkeln, bestätigt, dass nicht nur Sofia diesen Weg wählt. Die Option, sich einen Märchenprinzen zu angeln, bleibt am Ende offen.

Beim britischen Veteranen Ken Loach würde diese verführerische Blüte des kapitalistischen Sumpfes als Klassenverrat abgestraft oder bestenfalls als Nebenwiderspruch abgehakt werden. Loach, der seit Jahrzehnten sozial engagierte Filme dreht, in denen er, oft mit brachialer Komik wie in »Riff-Raff« und »Angels' Share«, die gesellschaftliche Sollbruchstellen offenlegt, ist, neben Stephen Frears, der Pate der neuzeitlichen Sozialkomödie. Doch so sehr die aktuellen französischen Filme von Loachs unerbittlicher Schilderung proletarischer Misere geprägt sein mögen, so fehlt ihnen doch dessen ideologischer Tunnelblick. Ersetzt wird er durch eine quasidokumentarische Detailbeobachtung, die an die Methode des Dokumentarfilmers Nicolas Philibert (»Sein und Haben – Être et avoir«) erinnert. In diesem Geist unvoreingenommenen, fast ethnologischen Interesses erscheinen etwa Sofias Schminktricks, mit denen sie sich für ihren Gang über die Promenade stylt, als eine Kunst, deren Beherrschung Hochachtung abnötigt. An Loachs Kitchen-Sink-Geschichten erinnert noch am ehesten die Komödie »Das unerwartete Glück der Familie ­Payan«, in der eine 49-jährige Großmutter ungewollt schwanger wird. Umgeben von einer Familie, deren Mitglieder auf je eigene Weise verpeilt sind, würde wohl auch diese Heldin der Dreifachbelastung die Devise des Helden aus Loachs »Riff-Raff« unterschreiben: ­»Depressionen? Die sind für die Mittelschicht. Wir stehen früh auf.«

»Das unerwartete Glück der Familie Payan« (2015). © Wild Bunch

Mittelschicht: der kleinste gemeinsame Nenner einer begrifflichen Grenzziehung. Spielen Komödien in der Mittelschicht, dann heißen sie Sittenkomödien oder Familienkomödien, wie »Monsieur Claude«, wo das brenzlige Thema Culture Clash mit Wortgefechten ausgetragen und mit Geld gelöscht wird. Das Präfix »sozial« bekommt ein humorvoller Film immer dann verpasst, wenn die Protagonisten prekär oder gar nicht beschäftigt sind, weder mit einem Erbe noch sonstigen Pfründen rechnen können, der Wohlfahrtsstaat als kafkaeskes Ungeheuer erscheint und als einziges Sicherheitsnetz die wacklige Solidarität anderer armer Teufel übrigbleibt. Es ist eine Welt, in der niemand Zeit und Nerven hat für Sarkasmus à la »Monsieur Claude« oder für die Gänsefüßchen-Ironien von Intellektuellenkomödien wie »Zwischen den Zeilen«. Je ernster die Lage, desto rustikaler die Komik, desto physischer der Witz. Wie etwa in »Rebellinnen«, wo die Arbeiterin in einer Fischfabrik angesichts eines Vergewaltigers die »Schwanz ab!«-Metapher auf schockierende Weise, wenn auch unabsichtlich, in die Tat umsetzt. Oder in »Ein Dorf zieht blank«, dessen Protagonisten sich in einem visuellen Offenbarungseid buchstäblich entblößen, so wie sie sich zuvor für das Finanzamt »nackt« gemacht haben. So wird das Piepsen des tragbaren Blutdruckmessgeräts, das der spätgebärenden Hauptfigur in »Das unerwartete Glück der Familie Payan« die Grenzen ihrer Belastung signalisiert, zum Running Gag – und zum Erziehungsinstrument für ihre chaotischen Angehörigen, die, schon aus Überlebensinstinkt, die Hauptverdienerin der Familie nicht verlieren wollen.

Der Sinn fürs Groteske erinnert auch an von französisch-belgischen Spaßvögeln gedrehte Offbeat-Komödien wie »Mammuth«, »Louise Hires a Contract Killer« oder »Der Tag wird kommen«. Doch den neuen Sozialkomödien fehlt sowohl die große anarchisch-destruktive Geste – wie in »Der Tag wird kommen«, wo ein gefeuerter Verkäufer in einem Einkaufszentrum zum Punk wird – wie auch der sozialrevolutionär-appellative Charakter von Ken Loachs Werk. Wenn etwa die obdachlosen Frauen in »Der Glanz der Unsichtbaren« mühsam Pünktlichkeit und Frustrationstoleranz beigebracht bekommen, werden statt Umstürzlertum Anpassung und Funktionieren gepredigt.

»Der Glanz der Unsichtbaren« (2018). © Piffl Medien

Erzählt werden Geschichten über das unermüdliche Weiterwursteln und über Zusammenhalt, in denen das Happy End aus kleinsten Fortschritten besteht. Zugleich ist dieses Ausmessen des Widerstreits zwischen Wollen und Müssen, Es und Über-Ich komisch, gerade weil die vermeintlichen Freaks wie unter einem Brennglas die eigene Widersprüchlichkeit vorführen: Denn wer will sich schon von anderen den Tag diktieren lassen? Die Heldin in »Ein leichtes Mädchen« ist nicht Zahia, sondern ihre Cousine, die letztlich den Versuchungen des Dolce Vita entsagt und sich tapfer für eine unglamouröse Laufbahn als Köchin in jenem Luxushotel, in dem sie zuvor mit Zahia und deren Lover speiste, entscheidet. Nicht aussteigen, sondern aufsteigen, lautet die Devise – im Bewusstsein, dass der Aufstieg aus dem Maschinenraum der Gesellschaft trotzdem ein Sisyphus-Unterfangen ist. Und es ist genau dieses Wissen, das diesen Filmen über Menschen, auf deren Grabstein mal »Er/sie hat sich bemüht« stehen könnte, ihren ganz speziellen, von herzzerreißender Melancholie unterspülten Humor verleiht.

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