Kritik zu Zwischen den Zeilen

© Alamode Film

In einen munteren Reigen von Beziehungen und heimlichen Affären taucht Olivier Assayas in seinem neuen Werk ein. Leicht und humoristisch kommt es daher – birgt aber dennoch beunruhigende Fragen zu den Umbrüchen unserer Welt und Wirklichkeit

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Mit der digitalen Welt und wie sie die herkömmliche, analoge verändert, hat sich Olivier Assayas im Lauf der Jahre immer wieder befasst. Schon 2002 erzählte er in »Demonlover« von der Macht des Internets und seiner Bilder, seine letzte Regiearbeit »Personal Shopper« beobachtete sehr präzise den Wandel unseres Alltags durch den stetig wachsenden Einfluss von Internet und Smartphones und wurde gar in einer 20 Minuten langen, hochspannenden Sequenz ausschließlich durch ein Hin und Her von SMS vorangetrieben. Mit »Zwischen den Zeilen« geht er das Thema nun expliziter an, obwohl der Film an der Oberfläche wie eine »typisch französische« Beziehungskomödie erscheint.

Angesiedelt ist er in der Welt des Pariser Literaturbetriebs, und die Doppelleben des Originaltitels »Doubles Vies« beziehen sich zunächst auf heimliche Liebesaffären: Der stets melancholisch dreinblickende Schriftsteller Léonard (Vincent Macaigne), der in seinen Romanen immer wieder und nur leicht verbrämt Privates und Intimes verarbeitet, hat eine inzwischen etwas abgekühlte Ehe mit Valérie (Nora Hamzawi), seit Jahren aber auch ein Verhältnis mit der Schauspielerin Selena (Juliette Binoche), die wiederum mit seinem Verleger Alain (Guillaume Canet) verheiratet ist. Auch Alain hat ein Geheimnis: Er unterhält eine Affäre mit seiner Angestellten Laure (Christa Théret), der jungen »Digitalisierungsbeauftragten« des Verlags.

In lässig episodisch angelegten, dialogreichen Szenenfolgen, für die Eric Rohmer ein deutlicher Bezugspunkt war, begleitet der Film seine Protagonisten in ihren alltäglichen Begegnungen, von Gesprächen über Verlagsstrategien über eine Lesung in der Provinz, gemeinsame Abendessen und Diskussionen bis hin zum heimlichen Stelldichein und Erörterungen des jeweiligen Beziehungsstatus. Immer wieder geht es in den Unterhaltungen um das Verhältnis von Realität und Fiktion, Wahrheit und Fake News, um Gefahren und Chancen für die Literatur wie auch für Verlage durch E-Books und Hörbücher, durch Blogs und Social Media sowie um Algorithmen versus Kritikermeinungen. Das Thema Digitalisierung ist gerade in Bezug auf den Literaturbetrieb nicht gerade neu, seit einigen Jahren treibt es die Branche um. Mehr Brisanz entfalten die Diskussionen des Films auf einer anderen Ebene, die Assayas komplex und subtil in die Dialoge einflechtet: Wie reagiert der Mensch auf die tiefgreifenden Veränderungen? Und wie verändert sich der Mensch selbst in der digitalisierten Welt?

Als erstaunlich flexibel erweisen sich die Hauptfiguren in ihrem Verhältnis zur ­Wahrheit. So laviert der Autor Léonard bisweilen so naiv wie fadenscheinig zwischen dem Beharren auf dem autobiografischen Gehalt seiner Werke – »Autofiktion« ist schließlich sehr angesagt – und dem Rückzug auf die Fantasie, sobald es brenzlig wird. Als er damit konfrontiert wird, dass um genau diese Frage im Internet über ihn und sein Werk eine heftige Kontroverse entbrannt ist, überrumpelt ihn das. Auch in seinem neuen Manuskript verarbeitet er die Affäre mit Selena. Eine sexuelle Gefälligkeit, die sie ihm einmal in einem Kino erwiesen hat, schildert er sehr nah an der Realität – geändert hat er außer ihrem Namen nur den Film: Statt wie in der Wirklichkeit in »Star Wars – Das Erwachen der Macht« sitzen die Romanfiguren in einer Vorführung von Michael Hanekes »Das weiße Band«. Ist eben viel standesgemäßer für einen Intellektuellen.

Assayas hat das Drehbuch laut eigener Aussage so frei und intuitiv entwickelt wie kein anderes zuvor. Er habe einfach drauflosgeschrieben, Szene für Szene, ohne zu wissen, wo er hinwollte. Das gereicht dem fertigen Film zugleich zum Vor- und zum Nachteil: Ganz flüssig und organisch ergibt sich hier ein Moment aus dem vorigen, es wird sehr pointiert und beziehungsreich, und dennoch alltagsnah gesprochen. Der unablässige Fluss der Dialoge ermüdet allerdings auch, und eine gewisse Ziel- und Zügellosigkeit des Drehbuchs lässt den Narzissmus der Figuren bisweilen umso enervierender wirken. Denn dies ist ein weiterer Dreh- und Angelpunkt des Geschehens: menschliche Eitelkeit und ihre Erhöhungen und Kränkungen durch die digitale Welt. Wichtigster Quell der Komik sind naturgemäß die Kränkungen, etwa Alains Ablehnung von Léonards neuem Manuskript oder Selenas Frust, als Schauspielerin ausgerechnet durch eine Krimiserie im Fernsehen berühmt zu sein, weshalb sie krampfhaft darauf beharrt, ihre Rolle sei keine Polizistin, sondern »Expertin für Krisenmanagement«. Verleger Alain dagegen verstrickt sich ständig in argumentative Kämpfe gegen den Untergang des Buchs, die Kränkung seiner klassischen bildungsbürgerlichen Ideale durch den Siegeszug des Digitalen. Wenn es sein muss, legt er sich dabei auch mit ­seiner Digitalisierungsbeauftragten an, mit der er gerade im Bett liegt. Aber Laure kontert ganz entspannt: »Tweets sind die Haikus von heute.«

Es hat einen eigenwilligen Charme, dass Assayas, der dem analogen 35-mm-Material all die Jahre treu blieb, ausgerechnet diesen Film nun sogar auf Super-16-mm gedreht hat, mit deutlichem Korn und analogem Flair (Kamera: Yorick Le Saux). Assayas ist allerdings ein viel zu differenzierter Denker, um die Digitalisierung zu verteufeln. Er versucht, den Wandel aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und diese zur Kollision zu bringen, und das gelingt ihm in einigen Passagen auf höchst inspirierende, auch ironische Weise. Ebenfalls von feiner Ironie, doch spielerischer ist sein Umgang mit Metaebenen, wenn Juliette Binoche irgendwann nicht nur als Selena auf der Leinwand zu sehen ist, sondern zusätzlich als Name und reale Person zum Gesprächsthema wird – und somit ein Doppelleben annimmt.

Alle Quirligkeit der Dialoge, aller Humor und alle Spielfreude des erstklassigen Ensembles können nicht über die Abgründe des Films hinwegtäuschen. »Zwischen den Zeilen« diagnostiziert eine tiefgreifende Krise unserer Identität durch die gegenwärtigen Umbrüche, auf die uns die passenden Antworten noch fehlen. Seine Haltung dieser Krise gegenüber ist nicht zynisch, doch so trocken, desillusioniert und nah am Absurden, dass der Film letztlich einen bitteren Beigeschmack besitzt.

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