Kritik zu Der Tag wird kommen

© Alamode

In seinem fünften Film widmet sich das französische Satirikerduo Delépine/ Kervern zwei Brüdern in einem Einkaufszentrum

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Das Regieduo Benoît Delépine und Gustave Kervern ist bekannt geworden durch seinelakonischen Offbeat-Komödien, in denenAußenseiter bei grotesken Verrichtungen beobachtetwerden. In ihrem letzten Film Mammuth ließen sie Gérard Depardieu mit wehender Mähne auf dem Motorrad durch Frankreich brausen. Ihr Erkennungszeichen ist der gute schlechte Geschmack, und so verwundert es nicht, dass sie sich nun einer der größten ästhetischen Zumutungen moderner Urbanität widmen: dem Einkaufszentrum auf der grünen Wiese. In George Romeros Horrorklassiker Dawn of the Dead schlurften Zombies durch diese Unorte. Einer, der sich der Zurichtung zum Konsumzombie lebenslang verweigert hat, ist Not (Benoît Poelvoorde), der sich seinen sprechenden Namen auf die Stirn tätowiert hat und laut eigener Ansage der »älteste Punk mit Hund in Europa« ist. Täglich zieht Not, zum Ärger seines Bruders Jean-Pierre (Albert Dupontel), der als Verkäufer in einem Matratzengeschäft arbeitet, bettelnd über die Parkplätze. Ihre Eltern betreiben in dem Zentrum die Pataterie, einen tristen Kneipenimbiss. Ausgerechnet der angepasste Jean-Pierre dreht eines Tages, nach dem sukzessiven Verlust von Frau, Kind, Haus und Job, komplett durch. Doch seine Wut läuft ins Leere. Sein Versuch der Selbstverbrennung im Supermarkt bleibt unbeachtet und wird von der automatischen Sprinkleranlage vereitelt. Not nimmt ihn unter seine Fittiche, tätowiert ihm »Dead« auf die Stirn und macht ihn mit dem Way of Life eines Provinzpunks vertraut.

Die radikale Befreiung von Stechuhr, Chef und Manieren hat im französischen Kino Tradition. In Themroc verwandelte sich ein Bürosklave in einen atavistischen Höhlenmenschen zurück. Doch solche Ähnlichkeiten sind nicht der Grund dafür, dass der fünfte Kinofilm von Kervern/Delépine etwas abgestanden wirkt. Es fehlt jenes Quäntchen Abgründigkeit, das etwa ihr Louise Hires A Contract Killer über bloße Sozialkritik hinaushob. Die subversive Betrachtung alltäglicher Absurdität droht hier zur Masche zu geraten.

Dafür entschädigen treffsichere Details, in denen die »Not Dead«-Devise der chaplinesken Antihelden Benoît Poelvoorde und Albert Dupontel sich nicht nur als Absage an bürgerliche Konventionen, sondern in einem weiter gefassten Sinn als permanenter Aufstand gegen Festgefahrenes, gegen Illusionen aller Art erweist: Anarchie als Rezept gegen die Verzombisierung der Existenz. Das führt z. B. auch dazu, dass Nots Selbstwahrnehmung als ungebundener Cowboy unbarmherzig mit der Realität konfrontiert wird: Beim Punkkonzert wird er beim Stagediving auf Händen getragen – und in den Müllcontainer geworfen.

Mit den üblichen Freunden der Filmemacher in Nebenrollen – Bouli Lanners, Yolande Moreau und Gérard Depardieu, dem in der Realität vielleicht ältesten Punk, der als ein aus dem Schnapsglas lesendes Orakel auftritt – wird der Film auch zum freakigen Klassentreffen. Als Eltern treten das Chansonnierduo Brigitte Fontaine und Areski Belkacem auf. Ihr grenzdebiler Autismus angesichts ihres Loser- Nachwuchses macht die Tragikomödie erst recht zu einer tragikomischen Clownerei für Fortgeschrittene.

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