Kritik zu Der Glanz der Unsichtbaren

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In diesem französischen Kinohit wird mit Witz und dokumentarischer Genauigkeit von obdachlosen Frauen und ihren Betreuerinnen erzählt, die, unter dem Radar der staatlichen Fürsorge, sich selbst helfen

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Frauen stellen 40 Prozent aller Obdachlosen in Frankreich, fallen jedoch weniger auf als Männer; sie verstecken sich, um der Gewalt auf der Straße zu entkommen. Louis-Julien Petit rückt diese Unsichtbaren, und mit ihnen ihre Betreuerinnen – denn die in der Sozialarbeit engagierten Menschen sind meist weiblich –, nun in seinem Sozialdrama ins Licht. Als Inspiration dienten ein Buch und eine Dokumentation von Claire Lejeunie über Frauen auf der Straße. Lejeunie zog aus ihren Begegnungen unter anderem die Schlussfolgerung, dass es mehr Zufluchtsstätten nur für Frauen geben muss und dass sie unbedingt auch nachts geöffnet sein sollten. Diese Forderung wird von Regisseur Louis-Julien Petit beherzigt. Er nimmt den Faden von Lejeunies Dokumentation auf, die damit endete, dass Catherine einen Platz im Wohnheim ergattert.

Im Film gefällt es der – nun fiktiven – Catherine dort nicht, und so steht sie morgens wieder vor den Toren von »L'envol«, zusammen mit vielen anderen Frauen, die ungeduldig auf die Öffnung der Tagesstätte warten. In diesem geschützten Ort können sie sich, betreut von vier engagierten Sozialarbeiterinnen, tagsüber aufhalten, waschen, beraten lassen. Doch die Stadtverwaltung will das Zentrum schließen. Die Betreuerinnen wissen aber, dass ihre Schützlinge ein auch von Männern bewohntes Heim, das als Ausweichmöglichkeit angeboten wird, nicht annehmen werden. Als zudem das Zeltcamp geräumt wird, in dem viele der Frauen übernachten, werden sie klammheimlich in die Tagesstätte einquartiert. Aus eigener Initiative organisieren die Betreuerinnen Kurse zur Wiedereingliederung der Frauen in die Gesellschaft.

Indem Petit die Handlung weitgehend in das Zentrum verlegt, vermeidet er den Elendsvoyeurismus, der mit Sozialdramen, je weiter unten in der gesellschaftlichen Hie­rarchie sie angesiedelt sind, fast automatisch einhergeht. Spannung entsteht stattdessen durch die semidokumentarische Detailgenauigkeit, mit der aufgezeigt wird, wie wenig die mentale Gestimmtheit der ­obdachlosen Frauen mit bürokratisch genormten Hilfsangeboten in Einklang zu bringen ist: ein Teufelskreis, den die Betreuerinnen mittels handfester individueller Problemlösung jenseits staatlicher Direktiven durchbrechen wollen.

Das Pfund, mit dem Petit in »Der Glanz der Unsichtbaren« wuchert, sind die authentischen Darstellerinnen, zum Großteil selbst ehemalige Obdachlose. So werden einerseits Streiflichter auf die Probleme der – von Schauspielerinnen verkörperten – Sozialarbeiterinnen geworfen. Da sind etwa die »déformation professionelle« der rastlosen Audrey, deren Helfersyndrom ihre private Leere ausfüllt, und Hélène, deren ehrenamtlicher Einsatz sie von ihrer Ehekrise ablenkt. Die Stars des Films aber sind die Laien und Originale aus der nordfranzösischen Ch'ti-Region wie Adolpha Van Meerhaeghe als vierschrötige Chantal. Sie kann vom Moped bis zur Waschmaschine alles reparieren, erzählt aber bei jeder mühsam eingefädelten Jobbewerbung mit Deadpan-Miene, dass sie wegen der Tötung ihres prügelnden Ehemanns im Gefängnis saß.

Psychoanalytikerin Catherine, selbst aufgrund von Depressionen auf der Straße gelandet – und hier nach einem wahren Vorbild von einer Schauspielerin verkörpert –, gibt Coaching-Sitzungen, in denen mit Rollenspielen versucht wird, den Frauen sozialkompatibles Benehmen beizubringen, was letztlich auf das Schauspielern und Aufhübschen von Lebenslauf und Äußerem hinausläuft. Der Bruch zwischen der schroffen Ehrlichkeit der Frauen und den nötigen geschmeidigen Umgangsformen verleiht dem Film einen wunderbaren Witz. Und durch das individuelle Eingehen auf die jeweilige Persönlichkeit kommen Vorleben von der Steuerfachfrau bis zur Domina zutage. Schön ist die Dezenz, mit der romanhaft anmutende Schicksale gerade so weit angerissen werden, dass sie neugierig machen und die Frauen sich von bemitleidenswerten Objekten der Fürsorge in komplexe Charaktere zurückverwandeln.

So vermählt sich in dieser dramatischen Komödie zwischen Fiktion und Wirklichkeit eine amerikanisch anmutende Pragmatik mit einer Utopie à la Ken Loach, jedoch ohne den für Loach so typischen ideologischen Zeigefinger. Zumindest eine Zeit lang verwirklicht die verschworene Truppe in »Der Glanz der Unsichtbaren« geradezu jene urkommunistische Solidarität, von der Marx einst träumte. 

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