Arthouse-Streaming: Es muss nicht immer Netflix sein

»Beginning« (2020). © Wild Bunch International

»Beginning« (2020). © Wild Bunch International

Bei Serien mögen die Groß-Streamer führen. Aber im Spielfilmsektor gibt es Alternativen: Portale, die das ­Repertoire pflegen und vor ­Experi­menten nicht zurückschrecken. Unsere Autoren haben sich im ­Arthouse-Bereich umgesehen

Das Flaggschiff: MUBI
Den Anbieter mit Hauptsitz London gibt es schon seit fast 15 Jahren. Kürzlich hat er sein Konzept erweitert

Bei aller Liebe für das Kino, diesen völlig zu Recht romantisierten und vehement verteidigten kollektiven Erfahrungsraum, der aktuell schmerzlicher denn je vermisst wird, auch mit all seinen nervigen Begleiterscheinungen wie den schmatzenden oder zu gewollt lachenden Sitznachbarn: Spätestens jetzt kommt man um Video-on-Demand nicht mehr herum. Und man tut gut daran, sich vom Narrativ des guten alten Kinos gegen die bösen Streamingdienste zu verabschieden. 

Die Pandemie hat mit ihren Dynamiken Prozesse beschleunigt, die sich schon zuvor abgezeichnet hatten. Man kann aktuell in Echtzeit dabei zusehen, wie die digitale Revolution auch die tektonischen Platten im System Film verschiebt. Nachdem Disney im letzten Jahr »Mulan« ohne Kinoauswertung gleich als Stream auf Disney Plus veröffentlicht hatte, brachten Warner Brothers und die weltgrößte Kinokette AMC zum Weihnachtsgeschäft »Wonder Woman 1984« in die Kinos, die geöffnet waren, und veröffentlichten das Superheldinnenspektakel zeitgleich auf Warners Hausplattform HBO-Max. Nach diesem zweigleisigen Modell will Warner alle für 2021 geplanten Filme starten. 

Wir stehen vor einer Zeitenwende, die sich verstärkt auch kleinere Streamingplattformen wie Mubi mit eigenem Markenkern zunutze machen wollen. 2007 von Efe Cakarel als Liebhaberplattform gegründet, positioniert sich der Dienst durch ein fein kuratiertes Portfolio mit Schwerpunkt auf modernen und klassischen Arthouse-Filmen, auf Filmkunst und Kurzfilmen strategisch gegen die großen Plattformen Netflix, Amazon Prime oder Disney Plus. Um mal in Zahlen zu fassen, was hier klein meint: Verzeichnete Netflix laut Statista Ende 2020 rund 204 Millionen zahlende Abonnenten, kommt Mubi aktuell auf rund 10 Millionen Nutzer. 

Im Interview mit dem Branchenmagazin »Blickpunkt:Film« erklärte Cakarel Anfang 2019, dass er nicht wie die großen Plattformen auf den breiten Markt, sondern auf zehn bis zwölf Prozent der Haushalte ziele und Mubi ein Zusatzangebot für Cineasten sei. Sind die Großen die Discounter mit ihrem gewaltig budgetierten Überangebot, ist Mubi der Feinkostladen, so das geschickt gesetzte Marketingnarrativ des in London beheimateten und in New York, Kuala Lumpur und Mumbai vertretenen Unternehmens. Da passt auch der Gemeinschaftsgedanke, den das Unternehmen zelebriert, ins Bild. Auf Anfrage heißt es, Mubi sei »eine Community von Filmliebhabern«, die Filme ansehe, darüber in der hauseigenen Onlinepublikation »Notebook« lese und die umfangreiche Filmdatenbank nutze. 

Was nach Marketingsprech klingt, wird weitestgehend eingelöst, wie ein Blick auf die Seite des Arthouse-Streamers zeigt. Das Kuratieren wird großgeschrieben: Jeden Tag präsentiert die Plattform einen neuen ausgewählten Film als »Film des Tages«. Begleitet werden alle Veröffentlichungen von teils umfangreichen Zusatzinformationen wie Verlinkungen zu externen Kritiken, eigens angefertigten (Video-)Essays, Hinweisen zu verwandten Filmen und Meinungen aus der Community. Von der Limitierung auf 30 wechselnde Filme, die immer nur 30 Tage lang zu sehen sind, hat sich Mubi schon lange verabschiedet, rund 1100 Titel sind laut Angabe der Plattform aktuell in Deutschland verfügbar. Aus Lizenzgründen bleibt dennoch Bewegung im Portfolio.

So stehen Klassiker wie Michael Manns »Heat« neben Jonah Hills flirrender Skateboarder-Ode »Mid90s« oder Mariano Llinás' knapp 14-stündigem Epos »La Flor«, dessen einzelne Teile seriell nacheinander veröffentlicht werden. Mit Dea Kulumbegashvilis sperrig-faszinierendem Debüt »Beginning« hat Mubi Anfang des Jahres den großen Festivalgewinner von San Sebastián ausgewertet. Zu finden sind auch viele randständigere Werke, die nach ihren Festivaltourneen nie in den deutschen Kinos gelandet wären, etwa der Kurzfilm »Nimic« von Yorgos Lanthimos (»The Favourite«) oder Tyler Taorminas subversive Coming-of-Age-Antithese »Ham on Rye«, die in Locarno Premiere feierte. 

Mubi hat in seiner Konzeption etwas von einem Onlineprogrammkino, das neben den Tageshighlights unter der Rubrik »Specials« Retrospektiven zu Regisseuren oder Festival-Spotlights anbietet. Seit 2019 produziert das Unternehmen überdies eigene Werke. Den Startschuss bildete die Coproduktion »Port Authority«, eine Transgender-Liebesgeschichte von Danielle Lessovitz, die in Cannes 2019 in der Sektion Un Certain Regard lief. Ende 2020 folgte Ekwa Msangis »Farewell Amor«, ein in Sundance uraufgeführtes filmisches Tryptichon über die Wiedervereinigung einer jahrelang getrennten angolanischen Familie in New York. Als ausführender Produzent ist Mubi auch an Nicolas Winding Refns kommender Serie »Maniac Cop« für HBO und Canal+ beteiligt. 

Wie bei den historischen Werken setzt das Unternehmen bei Eigenproduktionen auf künstlerische Diversität. Das ist ein strategisch nicht zu unterschätzendes Pfund, werden doch die Streamingplattformen von den potenziellen Abonnenten gern an den eigenen Erzeugnissen gemessen. Ob Serien in Zukunft eine größere Rolle spielen werden, bleibt abzuwarten; mit der Beteiligung an »Maniac Cop« wagt Mubi zumindest erstmals einen Schritt in diese Richtung. Auch ob mit den (noch kofinanzierten) »Originalen« der gleiche Weg wie bei Netflix eingeschlagen werden soll, ist ungewiss. Der Streaminggigant erschließt ja seit Jahren durch nationale Originalproduktionen ein nationales Publikum in Ländern auf der ganzen Welt und schweißt dadurch global und lokal zusammen.

Aktuell ist Mubi in rund 190 Ländern verfügbar und stellt sich in Deutschland neu auf. Über die deutschen Abonnentenzahlen gibt es keine genaueren Informationen, man veröffentliche keine Zahlen zu einzelnen Territorien, heißt es aus dem Haus. Jedenfalls hat sich das Unternehmen Anfang 2021 mediale Unterstützung von einer in Berlin ansässigen Kommunikationsagentur ins Boot geholt, und noch 2021 soll, neben den USA, auch in Deutschland Mubi Go starten. Mit dem ambitionierten Projekt, das seit 2018 in England und seit 2019 in Indien läuft, wolle man, so Mubi-Go-Managerin Lysann Windisch, »das Kinoerlebnis für Abonnenten bewusst kuratieren und sie zum Kinobesuch animieren«.

Die Idee: Nutzer können sich jede Woche im Rahmen ihres Mubi-Abos einen vom Streamingdienst ausgewählten Film in Partnerkinos anschauen und per App ein Ticket einlösen. Das Angebot gilt für hauseigene Produktionen, die zunächst im Kino ausgewertet werden, und auch für Filme anderer Verleiher. In Großbritannien konnten die Mubi-Go-Nutzer etwa »The Favourite« oder Quentin Tarantinos »Once Upon a Time in Hollywood« auf der großen Leinwand anschauen. Für die eingelösten Tickets erhalten die beteiligten Kinos wiederum einen zuvor vereinbarten Preis. 

Auch wenn der Anbieter über seine Preispolitik keine Auskunft gibt, scheint das Konzept zumindest in Großbritannien zu fruchten. Fast alle Kinos seien dabei, so Cakarel im »Blickpunkt:Film«-Interview. Es solle darum gehen, zusätzliche Kinoeintritte zu generieren, und nicht darum, bereits existierende Besucher zu rabattieren, erklärt Windisch und rechnet vor, dass sich die Zahl der Kinobesuche unter den britischen Mubi-Go-Nutzern nahezu verdoppelt habe. Im Vergleich zum nationalen Durchschnitt besuchten Nutzer fast siebenmal so oft im Jahr das Kino, und das vorrangig unter der Woche, 30 Prozent entfielen auf die »toten Zeiten«. 

»Kinos sind keine Konkurrenten, sondern grundlegende Akteure in der größeren Filmkultur – wir brauchen sie und wollen, dass sie gedeihen«, erklärt Marketingchef Jon Barrenechea. Natürlich: Man darf bei den positiven Zahlen und dem nach außen getragenen Idealismus nicht vergessen, dass der Dienst ökonomische Interessen verfolgt und, wie man so schön sagt, sehen muss, wo er bleibt. Auch muss sich noch zeigen, ob Mubi Go derart gut in Deutschland angenommen wird und was das im Detail für die Branche bedeutet. Denkt man die Strategie des Unternehmens mit seinen Produktions- und Distributionsambitionen weiter, kann man sich den Unmut einiger Verleiher aus dem Arthouse-Sektor regelrecht vorstellen. 

Dennoch muss man anerkennen, dass Mubi tatsächlich an einem Schulterschluss mit den Lichtspielhäusern interessiert scheint und sie nicht nur wie die großen Plattformen in der Vor-Cononazeit als Sprungbrett für die Oscars benutzt. Im aktuellen Verwertungschaos klingt das Konzept von Mubi zumindest nach einem interessanten Versuch in Richtung einer fruchtbaren Koexistenz. In Barrenecheas originalen Worten: »We see a bright future for film, both streaming – and in cinemas.« Na, das wäre schon was!

Jens Balkenborg

Unterwegs mit: filmingo
Die Plattform der Stiftung trigon-film versammelt prominente Vertreter des Weltkinos

Flamingo? Nein, f i l m i n g o. Es ist gar nicht weit von den fremdartig schönen Vögeln zu den wunderbar andersartigen Filmen, die das Programm des Schweizer Streamingdienstes ausmachen. Nur ein Buchstabe und ein kleiner Buchstabendreher, schon sind wir in den Kinematografien der Welt, in den world cinemas, mit Filmen, die unser heimisches Kino oder Fernsehen nie oder nur sehr selten zeigen – womit sie den Reichtum, die Vielfalt und Vitalität der filmischen Weltkulturen ignorieren. Gleich nebenan und auf anderen Kanälen kann man sie dennoch finden. Zum Beispiel auf filmingo.ch.

Die Auswahl ist, wechselnd von Land zu Land, begrenzt: In Deutschland sind es aktuell knapp 300 Filme, in der Schweiz einige mehr. Dafür ist das Angebot inhaltlich umso weiter gespannt. Die Website gruppiert die Filme unter anderem nach Regionen, vielleicht der beste Weg, um sich ins Abenteuer der Entdeckungen zu stürzen. Südostasien ist kein schlechter Anfang, mit »After the Curfew« (1954) von Usmar Ismael zum Beispiel, einem Klassiker des indonesischen Kinos, der von Martin Scorseses World Cinema Foundation restauriert wurde. Der Regisseur, als Gründungsfigur des nationalen Kinos verehrt, ist bei uns ein Unbekannter. »The Goddess of 1967« von Clara Law (2000) demonstriert die Vernetzung der regionalen Kulturen: mit Australien als kontinentalem Schauplatz, einem jungen Japaner als Hauptfigur und einer Regisseurin aus Hongkong. »The Orator« von Tusi Tamasese (2011) sprengt nicht nur diesen geografischen Rahmen. Er handelt von einer missachteten Randexistenz und dem Kampf um einen Platz in der Mitte der Gemeinschaft. Es ist der erste Spielfilm aus Samoa, das einmal 14 Jahre lang deutsche Kolonie war.

Nebenan, aber doch 7500 Kilometer entfernt, liegt Japan, bei filmingo relativ umfangreich mit Klassikern von Ozu, Mizoguchi und Akira Kurosawa vertreten, aber auch mit Regisseuren von heute wie Naomi Kawase, Kiyoshi Kurosawa oder Hirokazu Kore-eda. Nicht nur in die Weite des Raums, sondern auch in die Tiefe der Zeit führt die Sammlung, in Afrika zum Beispiel zu »Yeelen« von Souleymane Cissè (Mali 1987) und damit in die Verschränkung von Mythos und Gegenwart. Und in Lateinamerika zu Glauber Rocha oder ­Fernando Solanas, neben Gegenwartsfilmen starker Regisseurinnen wie Claudia Llosa aus Peru oder Lucrecia Martel und Paula Hernández aus Argentinien.

Die Schweizer Stiftung trigon-film, Heimstatt des Weltkinos seit 1988 mit Kinoverleih und DVD-Vertrieb, betreibt die Plattform und stellt einen Großteil des Angebots, das aber um eine beachtliche Anzahl europäischer Arthouse-Filme erweitert wird. Drei Abonnements – für den Filmfriend, den Filmfan und den Filmlover – stehen zur Auswahl, neben der Möglichkeit, Filme einzeln zu mieten. Für den massenhaften Konsum sind die Filme von filmingo ungeeignet. Aber sie werden alle begeistern, die bereit sind, sich in Wirklichkeiten jenseits des Gewohnten zu versenken.

Karsten Visarius

Der an den Rändern gräbt: Sooner
Amerikanische Filme findet man hier eher selten, dafür aber Dammbeck und Burgtheater

Das Angebot der Streamingplattformen ist ohne Frage enorm. Mittlerweile ist es nahezu unmöglich, einen Überblick über all die Filme und Serien zu behalten, die über Anbieter wie Netflix und Amazon Prime Video verfügbar sind. Doch dieser Reichtum an Inhalten ist trügerisch. Auf der einen Seite sind es die Algorithmen dieser Plattformen, die ihre Kunden immer wieder zu den gleichen oder zumindest ähnlichen Produktionen leiten und somit eine Art von ästhetischer und gedanklicher Monokultur befördern.

Auf der anderen Seite führen gezielte Suchen nach Regisseurinnen oder Schauspielern, nach Experimentalfilmen oder Serien, die nicht in klassische Genreschemata passen, schnell an die Grenzen der Vielfalt dieser Plattformen. Da braucht es einen Anbieter wie den noch verhältnismäßig jungen Streamingdienst Sooner, der Ende Juli 2020 an den Start gegangen ist.

In gewisser Weise ähnelt Sooner seinen großen und berühmten Konkurrenten. Beim ersten Blick auf die Website setzt auch er – anders als etwa die nach cinephilen Aspekten kuratierte Plattform ­Mubi – auf einen durchaus populären Mix von oft recht neuen Filmen und Serien, bei ähnlicher Preisgestaltung: 7,95 Euro für das normale Monatsabo, 14,95 Euro für ein Premiumabo, das drei der separat leihbaren Titel einschließt. Aber sobald man beginnt, sich etwas genauer mit den angebotenen Inhalten zu beschäftigen, werden die Unterschiede deutlich. Das beginnt damit, dass hier deutsche und europäische Produktionen das Programm dominieren.

US-amerikanische Filme wie Rick Alversons »The Mountain«, in dem Jeff Goldblum einen Arzt und vehementen Verfechter des Lobotomie-Verfahrens spielt, sind auf Sooner eher die Ausnahme. Zugleich aber ist dieses in den 1950er Jahren spielende Drama, in dem Thrillerelemente mit politischen Haltungen und melodramatischen Setzungen Hand in Hand gehen, auch typisch für die Filme, die diese Plattform anbietet. Ihre Macher setzen auf avancierte Arthouse- und Independent-Produktionen, die meist auf internationalen Festivals gelaufen sind, aber nicht den Weg in die deutschen Kinos gefunden haben oder sich dort nicht durchsetzen konnten.

»Wer vieles bringt, wird vielen etwas bringen«: Dieser Satz des Direktors aus dem »Vorspiel auf dem Theater« in Goethes »Faust I« trifft ziemlich genau den Ansatz von Sooner. Denn im Vergleich mit anderen Streamingdiensten ist die Plattform weit diverser aufgestellt. Neben verhältnismäßig aktuellen Filmen und Serien präsentiert sie auch eine große Zahl an Kurz- und Experimentalfilmen sowie viele Aufzeichnungen von Ballett- und Theaterproduktionen. Letzteres ist tatsächlich ein bemerkenswertes Alleinstellungsmerkmal.

So kooperiert der Dienst auch mit dem Wiener Burgtheater, das schon seit längerem berühmte Inszenierungen aus seiner traditionsreichen Geschichte als DVD-Editionen vertreibt. Sooner bietet nun die Möglichkeit, einen beträchtlichen Teil dieser Inszenierungen zu streamen. Zu den Höhepunkten in diesem Segment, das sich natürlich vor allem an Theaterliebhaber richtet, gehört zweifellos der Mitschnitt von Christoph Schlingensiefs Ready-Made-Oper »Mea Culpa«. Mit ihrem experimentellen Charakter kann sie stellvertretend für die Bereitschaft der Sooner-Verantwortlichen stehen, existierende Grenzen nicht nur zu überschreiten, sondern gar nicht erst anzuerkennen. So ist es vollkommen selbstverständlich, dass hier eine von Märchenmotiven geprägte Miniserie wie Laetitia Massons »Aurore« (2017) neben Chris Markers essayistischer Serie »The Owl's Legacy« aus dem Jahr 1989 steht. Sooner lädt einen durch das Disparate seines Programms ein, jegliche Berührungsängste fahren zu lassen und sich einfach auf eine cineastische Entdeckungsreise zu begeben. Eine Entdeckungsreise, die einen von den experimentellen Arbeiten Lutz Dammbecks, dem die Plattform einen eigenen Channel widmet, vielleicht tief in die Geschichte des österreichischen Kinos führt, das man hier dank der »Edition Der österreichische Film« ausgiebig erkunden kann.

Sascha Westphal

Der Jutebeutel: filmfriend
Öffentliche Bibliothen bringen Kracher und Klassiker ins Haus

Die öffentlichen Bibliotheken Berlins sind seit ein paar Jahren noch öffentlicher geworden: Sie kommen ins Haus. Ihre digitalen Angebote sind umfangreich und vielfältig; dezent verbinden sie Publikumsfreundlichkeit mit Bildungsauftrag. Als der Verbund VÖBB sein Pilotprojekt filmfriend lancierte, warb es dafür mit dem hübschen Slogan »Der Jutebeutel unter den Streamingdiensten«. Eine ehrliche Sache also.

Im Prinzip – sofern die Rechtelage dies zulässt – kann das Angebot auf die imposante Sammlung von 65 000 Filmen auf DVD, Blu-ray und Video zurückgreifen, die einst von dem hingebungsvollen Trüffelsucher Peter Delin angelegt wurde. In die cinephilen Tiefen dieses einzigartigen Schatzes stößt es zuweilen durchaus vor; Aktualität und Filmgeschichte treten oft in einen lebhaften Dialog. (Im zweiten digitalen Angebot »AVA« findet sich auch Entlegeneres.) Das Programm des filmfriend hat die Kundschaft im Blick – die Stadtteilbibliotheken steuern Ideen bei – und ist zugleich gescheit kuratiert: eher farbenfroh als bunt. Die monatlich wechselnden »Kollektionen« setzen Schwerpunkte. Im Februar waren das etwa anspruchsvolle Komödien, der Schauspieler Frederick Lau, DEFA-Klassiker, das US-Independent-Kino, das eigensinnige Filmland Österreich und der Mythos Wald. Daneben entdeckt man auch inoffizielle Fokussierungen. Wer seine Kenntnis des Werks von Angela Schanelec, Rudolf Thome, Claude Chabrol oder des Stummfilmschaffens von Alfred Hitchcock vertiefen wollte, musste sich allerdings ranhalten, denn monatlich werden 20 bis 50 Titel ausgetauscht.

Das Angebot ist einerseits strukturiert: nach Genres (der Kinder- und Jugendfilm spielt hier, wie in den Bibliotheken, eine zentrale Rolle) und Kinematografien (Asien und Lateinamerika sind präsent; aktuell reagiert der filmfriend auf den Tod von Kim Ki-Duk). Aber ebenso viel Vergnügen bereitet es, im A–Z der Filme zu stöbern. Es ist erfreulich vorurteilslos zusammengestellt. So blieb ich beispielsweise bei dem Spionagereißer »Die Blonde von Peking« (mit Mireille Darc und Hellmut Lange als grimmigem Sowjetoffizier) hängen, bevor ich mich über Michael Pfleghars »Die Tote von ­Beverly Hills« (wie Kurt Hoffmann im Afri-Cola-Rausch) in die hehren Sphären von »Der Schamane und die Schlange« hocharbeitete.

Bleibt zu ergänzen, dass filmfriend nicht exklusiv für Berliner zugänglich ist. Weitere Bibliotheken haben sich dem Projekt angeschlossen. Um den VÖBB-Ausweis zu erwerben, genügt eine Meldeadresse in Deutschland. Momentan ist er, Corona sei Dank, für drei Monate kostenlos. Die Schätze werden immer öffentlicher.

Gerhard Midding

VoD-Angebote von Verleihern
Die Pandemie ist schuld: Arthouse-Filmverleiher ziehen mit ihren Schätzen ins Netz um

Seit dem 2. November hält dieser zweite Kino-Lockdown nun schon an. Für die Zuschauer ist das bitter, für Verleiher und Kinobetreiber existenzbedrohend, weshalb nicht nur Majors wie Warner oder Disney, sondern auch kleinere Arthouse-Verleiher die Flucht nach vorn antreten, in Richtung Video-on-Demand – heißt: Sie machen den einstigen Konkurrenten zum Verbündeten.

Schon im Oktober hatte der Verleih Port au Prince bei einer Pressevorführung angekündigt, dass sein Film »Das neue Evangelium« von Milo Rau in jedem Fall laufen würde. Statt endloser Terminverschiebung also ein digitaler Start, mit 38 Prozent Beteiligung für die Kinos. Wenn man den Film auf der Website bucht, kann man bestimmen, welches ursprünglich für den Start vorgesehene Kino davon profitieren soll. 

Seitdem folgen immer mehr Arthouse-Verleiher dem Beispiel, unter anderen Salzgeber Club, Grandfilm oder missingFILMs. Sie alle zeigen vor allem Filme, die jetzt eigentlich in den Kinos laufen sollten, manche bauen ein bereits bestehendes VoD-Programm aus. Der Salzgeber-Filmverleih, der dem schwul-lesbischen Kino seit Mitte der achtzigerer Jahre einen Hafen gibt, bietet das eigene Verleihprogramm schon seit vier Jahren nicht nur auf DVD, sondern auch on demand an, aber erst seit April letzten Jahres unter dem Namen Salzgeber Club. Vor allem berührende Coming-of-Age-Filme mit queerer Komponente kann man hier entdecken. So etwa die sinnlich sommerliche Berliner Mädchen-Liebesgeschichte »Kokon« von Leonie Krippendorff oder »Port Authority« von Danielle Lessowitz, die etwas andere, intensive, poetische, verwirrende New Yorker Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann und einer Transfrau. Hier kann man auch das Werk queerer Künstler:innen kennenlernen, etwa in der Dokumentation »Ulrike Ottinger – Die Nomadin vom See«, oder auch dem Designer-Ehepaar Alvar und Aino Aalto näherkommen. Neuerdings bekommt das Angebot noch stärkeren Programmkino-Charakter, weil die sonst in verschiedenen Kinos monatlich veranstaltete Filmreihe »queerfilmnacht« (ab 1. März mit »Baby Jane« und »Are We Lost Forever«) und das jährliche »queerfilm festival« nun auch ins Streamingportal abwandern mussten. Wie die meisten anderen Filmverleiher bietet Salzgeber seine Filme nicht nur auf dem eigenen Portal, sondern parallel auch bei klassischen Anbietern wie Amazon oder YouTube an.

Auch der Verleih missingFILMs, der sich dem besonderen, ästhetisch innovativen und inhaltlich eigenwilligen Film, öfter auch mit queeren Themen, verschrieben hat, möchte die Filme aus dem eigenen Programm am liebsten auf die große Leinwand bringen, wurde aber durch die Pandemie gezwungen, alternativ digitale Strategien zu entwickeln. Wie bei Grandfilm und Port au Prince dient das Onlineprogramm nicht nur der Selbsthilfe, sondern ist auch als Unterstützung der existenzbedrohten Kinos gedacht. Aus diesem Grund haben Christos Acrivulis und Andreas Severin von missingFILMs die Dokumentation »Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde« über die hundertjährige Holocaust-Überlebende Marthe Cohn und die Musikdoku »Leif in Concert Vol. 2« in einer Sonderaktion als »Kino on demand«, ausschließlich über die Websites der Kinos, mit 50-50-Aufteilung der Einnahmen angeboten. Im März sind auf der hauseigenen Plattform unter anderem »Standesgemäß«, der zweite Film von »Und morgen die ganze Welt«-Regisseurin Julia von Heinz und »Sag du es mir« von Michael Fetter Nathansky abrufbar, eine Tragikomödie um Vermutungen, Ahnungen und Missverständnisse in einem engen Netz von Beziehungen. Im April folgen mit »Der Mann im Abseits« und »Die Folgen der Liebe« zwei ältere Filme von Paolo Sorrentino – auch dem italienischen Kino gehört die besondere Aufmerksamkeit von missingFILMs.

Filme, die bei den großen Verleihern fehlen, kann man auch auf den Vimeo-VoD-Seiten von Grandfilm finden. Darunter findet sich auch »Vitalina Varela«, ein portugiesischer Film über schwarzafrikanische Immigranten in wunderschönen Bildern, die mit spärlichem Licht aus dem Dunkel der Nacht geschält sind.

Anke Sterneborg

Die Tentakel: Amazon Channels
Wenn Sie Prime haben, könnten sie sich auch für die über 50 angeschlossenen Kanäle interessieren

Amazon gehört neben Netflix und Sky zu den in Deutschland operierenden Streamingriesen. Wer über eine Prime-Mitgliedschaft verfügt, bekommt nicht nur den Versand bestimmter Produkte kostenlos, sondern auch bestimmte Filme und Serien, zum Beispiel alle Originals. Die 7,99 Euro Monatsgebühr (beziehungsweise 69 Euro Jahresgebühr) sind aber beileibe keine Flatrate (wie etwa bei Netflix), für viele Filme muss man zusätzlich eine Gebühr bezahlen – auch für Klassiker wie Carol Reeds großartigen Wien-Film »Der Dritte Mann« (1950). 

Daneben bietet Amazon über 50 Channels an, die man jeweils einzeln abonnieren kann; ihre Inhalte sind dann kostenlos. Ein buntes Sammelsurium aus Filmen und Serien, zu dem auch Sportkanäle und Ableger öffentlich-rechtlicher Programme gehören. Starzplay etwa bietet für 4,99 Euro pro Monat US-amerikanische Blockbuster und Serien an, Repertoire wie neue, zum Beispiel »Underworld« oder Roland Emmerichs »2012«; die Serie »Des« hatte dort ihre Premiere. Arthaus + (3,99 pro Monat) ist der Ableger des ehemaligen Verleihs und Videoanbieters mit ausgewiesenem, europäisch orientiertem Kunstprogramm (»Sieben Minuten nach Mitternacht«, »Belle de Jour«, »Paris Texas«). Der Mubi Channel (9,99 Euro pro Monat) bietet das Programm des Independent-Streamers Mubi an.

Zu den ambitioniertesten Unterkanälen im Amazon-Prime-Kosmos gehört sicherlich Realeyz (5,50 Euro pro Monat). Der Kanal wirbt für sich mit dem Slogan »Indiemovies. Preisgekröntes Independent Kino von internationalen Festivals und FilmemacherInnen« und umfasst weit über 1000 Filme. 2011 hatte Andreas Wildfang das Portal ins Leben gerufen, übrigens vor zehn Jahren schon als Abomodell. Wildfang ist so etwas wie der Streamingpionier in Deutschland; er steckt auch hinter Sooner und der deutschen Ausgabe von Lacinetek, die ein von Filmemachern wie Maren Ade oder Christian Petzold kuratiertes Programm anbietet. Seit 2019 ist Realeyz Teil des Amazon-Konglomerats und nur noch für Amazon-Prime-Mitglieder buchbar. 

Dem Programm hat das nicht geschadet, der Amazon-Kanal ­Realeyz ist eine Wundertüte zum Entdecken, Stöbern und Nachholen, auch für experimentelle und dokumentarische Arbeiten. Man findet im Angebot etwa »Lola« von Brillante Mendoza oder den hierzulande ziemlich unbekannten »7 Jungfrauen« des Spaniers Alberto Rodriguez, der mit seinem Post-Franco-Thriller »La isla mínima« (Vorlage für »Freies Land« von Christian Alvart) für Furore sorgte und mit den zwei Staffeln von »Die Pest« eine großartige Serie vorlegte. Ein Schwerpunkt im Angebot liegt auf dem deutschen beziehungsweise deutschsprachigen Film. German Mumblecore ist gut vertreten (mit den Axel-Ranisch-Werken »Dicke Mädchen« und »Alki Alki« und »Love Steaks« von Jakob Lass). Vom Dokumentarfilmregisseur Thomas ­Heise bietet die Plattform die Filme »Material« und »Vaterland« an. Und von Ulrich Seidl, dem Grenzgänger zwischen Dokumentarfilm und Fiktion, hält Realeyz die »Paradies«-Trilogie vor. Zu den Raritäten des Angebots gehört auch Warwick Thorntos »Samson & Delilah« (2009), in dem zwei Aborigine-Jugendliche aus ihrem Reservat ausbrechen und sich in der Weite der australischen Landschaft auf die Suche nach einem besseren Leben machen. 

Rudolf Worschech

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