Kritik zu Das Neue Evangelium

© Port au Prince Pictures

[Kein Kinostart. Der Film erscheint direkt als Video-on-Demand auf der Webseite des Films]

Es gibt Hoffnung: In seinem neusten interdisziplinären Projekt gelingt dem Schweizer Regisseur Milo Rau eine erstaunlich gute Verbindung von spirituellem Gleichnis und politischem Lehrstück

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Milo Rau gehört zu jenen Künstlern, die immer wieder dahin gehen, wo's wehtut. Seine Bühnen- und Film-Essays bearbeiten oft, zugleich direkt und reflektiert, die Zuschauer*innen stets involvierend, die Bruchstellen unserer Zivilisationslegende: das Verbrechen, den Terror, das Unrecht. Man kann über beinahe jedes seiner Projekte und über jede Wahl seiner Mittel streiten. Etwas Besseres kann man von Kunst zurzeit kaum sagen. 

Und nun: ein Evangelium. Auf ein Neues. Als Revolte der Armen, Elenden und Entrechteten. Als Reenactment in neuer Besetzung. Seit Dostojevskis Fantasie über den Großinquisitor machen wir uns über die Chancen einer Wiederkehr und die Reaktionen der Autorität darauf wenig Illusionen. Aber erstaunlich genug: »Das Neue Evangelium« ist Milo Raus zugänglichste, zärtlichste und optimistischste Arbeit bislang geworden. 

Der Weg führt von einigen Großaufnahmen in Pasolinis Manier zur Reise nach Matera (im Winter). Der Ort in der Basilikata ist wegen seiner Höhlensiedlungen berühmt und eine dankbare Film- und Tourismuskulisse seit geraumer Zeit. Pasolini hat hier Szenen des »Matthäus Evangeliums« gedreht, ebenso Mel Gibson seine »Passion Christi«, aber auch »Wonder Woman« und »James Bond« hatten hier große Auftritte, und eine Menge von minderen religiösen Fantasien, so zwischen »Ben Hur« und »Der junge Messias«, wurden hier produziert. Matera ist die cineastische Repräsentation der Geschichte von Erlösung durch Leiden, Weltkulturerbe sowieso und wird entsprechend verscherbelt. Dabei ist die Ähnlichkeit mit Jerusalem tatsächlich auffällig und noch auffälliger die mit Weihnachtskrippenlandschaften und kunstgeschichtlichen Bezügen: die Senke und der Bogen, die Gassen und das gesättigte Braun, die Mischung aus Fremdheit und Geborgenheit, das Licht . . . Matera ist das Jerusalem, das nie war. Matera ist Armut, die in Reichtum verwandelt wird. 

Die Stadt und das Umland also werden zum Gegenstand der Suche nach Dreh- und Inszenierungsorten, und die Suche ist auch schon Teil des Films. Die Schönheit der Kulisse wird gemeinsam bewundert von den beiden Erzählern, dem Regisseur Milo Rau und dem Aktivisten Yvan Sagnet, der sich für die Rechte der Geflüchteten und unter Sklaven-ähnlichen Bedingungen auf den Orangen- und Tomatenfeldern schuftenden Menschen einsetzt und gegen die »mafiösen Strukturen in der Agrarindustrie« kämpft. Er wird die Christus-Rolle einnehmen.

Rasch also sind die drei Ebenen des Films etabliert: Das Passionsspiel, das in Matera aufgeführt wird, die Dreharbeiten zu einer filmischen Dokumentation davon und der Kampf um menschenwürdige Behandlung der Flüchtlinge aus Afrika. Die Anklagen und Einforderungen der Menschen- und Bürgerrechte werden auf die Straße getragen, sollten wir sagen: mit überschaubarem Erfolg? Weder sind alle bereit, sich dem Risiko des öffentlichen Auftretens auszusetzen, noch scheint das Interesse der Öffentlichkeit allzu groß, und als schließlich doch noch eine dringend benötigte mediale Öffentlichkeit erreicht wird, kommen auch noch die Spannungen innerhalb der Gruppe des Widerstands zum Vorschein. Fast streift man hier Schnittflächen zwischen Mediensatire und politischem Lehrstück. Aber beides, der politische Kampf und das spirituelle Gleichnis, werden doch mit einer über Taktik und Opportunität hinausgehenden Ernsthaftigkeit verfolgt.

»Das Neue Evangelium« ist eine interdisziplinäre Produktion, die aus einer Kampagne, einer Reihe von öffentlichen Veranstaltungen und Performances sowie aus einem Film besteht, wobei sich keineswegs eines zum anderen wie »die Sache« und ihre »Dokumentation« verhält. Eines ist immer das Making-of des anderen, so wie Kunst, Religion und Politik nur immer in ihrer Aufeinander-Bezogenheit zu verstehen sind, und eines ist immer die Fortsetzung des anderen. Natürlich ist der Film nebenbei wiederum auch Realisierung einer Kunsttheorie, genauer gesagt Milo Raus Suche nach einem »globalen Realismus«. Das hat noch nie so gut funktioniert wie hier: Nichts an »Das Neue Evangelium« ist kompliziert, abstrakt oder didaktisch, nichts könnte als Provokation oder Effekthascherei desavouiert werden. Wir sind inmitten eines Prozesses von Anverwandlung, schöpferischer Energie, Solidarität und sehen die Schwierigkeiten bei alledem. 

Die Verzahnung mit den berühmten Vorbildern geht weiter: In einem kleinen Kellerkino wird der Pasolini-Film gezeigt; der Schauspieler, der damals Jesus war, Enrique Irazoqui, der nun die Rolle des Täufers innehat und gleichsam die Figuren des Spiels »einweiht« (in einem Reenactment der Pasolini-Szene in der nun neuen Rolle), begleitet uns weiter bei den Vorbereitungen. Es ist das Jahr vor seinem Tod.

Es wird zugleich auseinandergenommen (das Kunstwerk/die Inszenierung in ihren Entstehungsphasen einschließlich der Proben-Diskussionen, betreffend zum Beispiel der praktischen Einrichtung einer Szene, wie man am Strand beim Fischen zu stehen hat, wenn ein Heiland sich nähert) und zusammengebracht (die Passion als Revolte, das universale Gleichnis und der Alltag). Bis in die kleinsten Nebenverzweigungen werden die Beziehungen von Spiel und Realität untersucht, etwa wenn der Bürgermeister unbedingt die Rolle des Mannes, der für Christus eine Weile das Kreuz trug, spielen möchte, oder wenn Teilnehmer des Spiels ihre Motive für ihre Rollenwahlen preisgeben und mit wahrem Feuereifer Folterer und römische Soldaten spielen.   

Das gehört zu den Sollbruchstellen in diesem Film, die immer wieder verhindern, dass wir es uns darin allzu gemütlich machen. Ebenso wie die Schilderung eines Vorfalls, in dem einer der Männer, die auf dem Feld für 30 Euro am Tag arbeiten, durch Anstrengung und Hitze ohnmächtig wird. Als man darum bittet, ihn ins Krankenhaus bringen zu können, untersagt der Aufseher (in der Tat: Aufseher!) dies mit der Androhung von 50 Euro Strafe. Und die wunderbaren kleinen Momente des Gelingens: die Präsentation von Tomaten-Konserven, die frei von Mafia und Ausbeutung entstanden. Auch die Befreiung aus der Falle der Zwangsprostitution gehört dazu. Wenn man die christliche und die marxistische Botschaft in einem Satz zusammenfassen würde, käme wohl dieser heraus: Es gibt Hoffnung.

Die Parallelmontage von Dokumentation über Zustände und Rebellionen dagegen einerseits und theatrale Inszenierungen andererseits scheinen im Übrigen derzeit aktuell. Eine bei allen Unterschieden verwandte Verbindung findet sich etwa auch in Yulia Lokshinas »Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit« über die Arbeitsbedingungen osteuropäischer Leiharbeiter in deutschen Schlachthöfen, die mit einer Schüler-Inszenierung von Bert Brechts »Heilige Johanna der Schlachthöfe« verbunden werden. Es scheint derzeit besonders fruchtbar, Theater, Film und politische Aktion miteinander zu verknüpfen. Globaler Realismus und interdisziplinäres Arbeiten sind ziemlich gute Ideen für ein Kino der Zukunft.

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