Kritik zu Mid90s

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Eine Coming-of-Age-Story mit Skateboard: Jonah Hill fügt mit seinem Regiedebüt dem vertrauten Genre ein Kleinod hinzu

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Langsam fährt die Kamera den asphaltierten Mittelstreifen eines dieser langgestreckten Hügel von L.A. hinauf. Rechts und links fließt der Verkehr, und dazwischen kommen uns, lässig und elegant, fünf jugendliche Skateboarder entgegen. Dazu erklingt ausnahmsweise keine 90erjahremusik, sondern der fröhliche Hippie-Sound von »The Mamas and the Papas«, und tatsächlich atmet die Szene ­etwas von jenem Gefühl von Aufbruch und Befreiung, das eigentlich in ein anderes Jahrzehnt gehört. Die »mid90s«, die Schauspieler Jonah Hill in sei­nem vielbeachteten Regiedebüt zelebriert, sind davon ansonsten ziemlich weit entfernt.

Hill hat den Film selbst geschrieben, angeblich zwanzig Fassungen in vier Jahren, und positioniert sich damit als sensibler Independent – weit weg von Mainstreamkomödien wie »Superbad« oder »21 Jump Street«, mit denen er bekannt wurde, aber auch von aufwendigen Produktionen wie »Wolf of Wall Street« oder »Maniac«. Gewisse Parallelen zu Greta Gerwigs »Lady Bird« sind erkennbar, denn auch Hill verarbeitet biografische Erfahrungen, ohne dabei selbst vor die Kamera zu treten. Zugleich erweist er sich als brillanter Schauspieler-Regisseur, der aus seinem jungen Cast Erstaunliches herausholt. Mehr noch als seine Kollegin sucht er den radikalen Cut zu allem, was er bislang gemacht hat. Das findet seinen Ausdruck in der Entscheidung, auf grobkörnigem 16-mm-Material im altmodischen 4:3-Format zu drehen (was den Film auch visuell zur perfekten Zeitreise macht), vor allem aber in der eigenwilligen Inszenierung.

Hill erzählt die Coming-of-Age-Story des 13-jährigen Stevie (Sunny Suljic) konzentriert minimalistisch. Gleich zu Beginn entdeckt der Junge seine Begeisterung für die etwas ältere Clique, die regelmäßig in einem Skateboard-Shop abhängt, und von da an geht es ausschließlich um Stevies »Aufstieg« zum anerkannten Mitglied der Gang. Nie sehen wir Stevie in der Schule oder bei anderen Aktivitäten; es ist, als würden wir mit ihm in diese Szene eintauchen und genau wie er selbst alles andere drum herum vergessen. Eine geradlinige Geschichte will sich dabei nicht entwickeln, eher eine detailgenaue Milieustudie mit viel Empathie für ihre Protagonisten. Hill lauscht den naiv-kuriosen Gesprächen der Teenager, die allesamt aus schwierigen Verhältnissen stammen, beobachtet sie beim Training oder bei ihren Partys. Anders als in Larry Clarks »Kids« geht es in »Mid90s« dabei nicht um den Exzess, sondern in erster Linie um die Verwandlung des kleinen Helden, dem es mit der Zeit gelingt, sowohl seinem gewalttätigen älteren Bruder (Lucas Hedges mit einer weiteren starken Performance) als auch seiner zwar zugewandten, aber nicht sonderlich präsenten Mutter (Katherine Waterston) mit neuem Selbstbewusstsein zu begegnen. Der Film feiert diese Triumphe mit sachter Freude, verschweigt aber auch nicht, dass Stevie für seinen Reifeprozess einen hohen Preis bezahlen muss. Ein Kleinod, das neugierig macht auf Jonah Hills weitere Karriere.

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