Kritik zu Kokon

© Salzgeber

Leonie Krippendorff taucht in ihrem zweiten Spielfilm nach »Looping« in einen Berliner Sommer und ins Lebensgefühl einer Gruppe von Teenagerinnen am Kreuzberger Kotti ein

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Scheu und ernst schaut die vierzehnjährige Nora in eine Welt, in der sie ihren Platz noch nicht gefunden hat. Auch ihren pubertierenden Körper hat sie noch nicht wirklich in Besitz genommen. Mit gesenktem Blick und verschlossener Miene beobachtet sie ihre ältere Schwester Jule und deren beste Freundin Aylin, will irgendwie dazugehören, und sperrt sich zugleich dagegen. Hoch oben über dem pulsierenden Leben am Kottbusser Tor in Kreuzberg schmiegen sich die drei Mädchen in der Balkonecke aneinander, wie in einem Heißluftballon oder einem Raumschiff über der Stadt. 

Auch wenn Leonie Krippendorff mit ihren 35 Jahren die Pubertät längst hinter sich gelassen hat, fühlt sie sich in Bild und Ton aber dennoch anbiederungsfrei ins Lebensgefühl der Teenager ein, mit all ihren Vibes und Multikulti-Codes, mit ihren fragilen Gefühlen und ruppigen Manifestationen. Mit zärtlichem Blick und einfühlsamer Genauigkeit begleitet sie die Kids, und dieses noch ein wenig spröde Mädchen (Lena Urzendowksy) mittendrin. Wie die Raupen, die sie in Gläsern sammelt und versorgt, muss auch sie sich erst noch zum Schmetterling wandeln.

Dem Film wohnt ein sanftes Coming-out inne, um das hier ähnlich wenig Aufhebens gemacht wird wie in »Siebzehn« von Monja Art. Einer der Jungs hat Nora bei einer Party raus auf den Balkon gelotst, um sie mit einem Kuss zu überrumpeln. Als sie betreten schweigt, fragt er: »Magst du mich nicht?« »Doch«, erwidert sie, »aber ich bin, glaube ich, schon verliebt.« In Romy. »Heißt das, dass ich lesbisch bin?«, sinniert sie, »Weiß nicht«, meint er, »wahrscheinlich schon«, und: »Ich find's cool.« »Echt?«

Sich einen Reim machen auf die Welt, dazu gehört unter den »Digital Natives« natürlich das Handy. Nora nutzt es wie ein Tagebuch, nimmt Bilder des Berliner Sommers auf und kommentiert aus dem Off das Lebensgefühl, das Leonie Krippendorff und ihr Kameramann Martin Neumeyer wiederum in flirrende Bilder übersetzen. Das Wasser aus Gartenschläuchen, in den Becken der Sommerbäder oder im Badesee trägt genau wie die gleißenden Sonnenstrahlen zur Auflösung der Konturen bei, zu einer traumhaft entrückten Sinnlichkeit. Sie spielen mit verschiedenen Filmformaten, der Enge des Handybildschirms, dem Normalformat, und wenn die Kids mehr Platz brauchen, weitet sich das Bild.

Romy wird von Jella Haase verkörpert, mit allen Sinnen, verführerisch irrlichternd, frei und wild. Schon in Krippendorffs Debüt »Looping« war sie dabei, damals als Jüngste von drei Frauen, die bei ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie eine spezifisch weibliche Solidarität und Nähe entwickelten. Jetzt hilft sie Nora in der Not, als ihre Klassenkameraden in der Turnhalle vor ihr merken, dass sie biologisch zur Frau geworden ist. In ihrer Gegenwart findet Nora zu sich selbst, und es ist hinreißend, dabei zuzuschauen, wie mit dem Mädchen auch die Welt um sie herum einen besonderen Schimmer bekommt. Am Ende streckt Nora ihre Flügel aus, wohin sie dann fliegt, wird sich noch zeigen.

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