Kritik zu Empire of Light

© 20th Century Studios

2022
Original-Titel: 
Empire of Light
Filmstart in Deutschland: 
20.04.2023
Sch: 
L: 
119 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der neue Film von Sam Mendes ist von Erinnerungen an die eigene Mutter geprägt. Es geht um nicht weniger als die Magie des Kinos, psychische Gesundheit, Rassismus, sexuelle Ausbeutung und die britische Gesellschaft unter Margaret Thatcher

Bewertung: 3
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Unter renommierten männlichen Filmemachern im besten Alter scheint dieser Tage geradezu zum guten Ton zu gehören, sich filmisch der eigenen Kindheit zu widmen und nebenbei gleich auch noch von der Magie des Kinos zu erzählen. Kenneth Branagh hat mit »Belfast« letztes Jahr vorgelegt, gerade zog Steven Spielberg mit seinen »Fabelmans« nach, und nun folgt auch noch Sam Mendes mit »Empire of Light«.

Was das Autobiografische angeht, hält sich der Brite verglichen mit seinen Kollegen eher zurück. Ein Mendes-Alter-Ego kommt in seiner Geschichte nicht vor, einen kindlichen oder jugendlichen Protagonisten und dessen Perspektive sucht man hier vergeblich. Doch die Mutter des Regisseurs stand Pate: Sie litt an einer bipolaren Störung, genau wie nun Hilary Small (Olivia Colman) in »Empire of Light«.

Hilary ist Anfang der 1980er Jahre leitende Angestellte im Empire-Kino im Küstenort Margate, eine pflichtbewusste und einsame Frau, die sich von ihrem verheirateten Boss (Colin Firth) immer wieder zu lieblosem Bürosex überreden lässt und ansonsten ein durch Lithium halbwegs in der Balance gehaltenes Leben führt. In das kommt allerdings neuer Schwung, als Stephen (Micheal Ward) im Kino anheuert, ein junger Schwarzer, mit dem Hilary eine unerwartete Affäre beginnt. Doch die sozialen Unterschiede, die es trotz Zuneigung zwischen ihnen gibt, bringen ihre Schwierigkeiten mit sich, und dass Hilary irgendwann ihre Medikamente absetzt, hat erst recht einschneidende Folgen.

Englands Südosten und das Kino in Margate (das als Gebäude dort tatsächlich noch steht und in Betrieb ist) sind ein wunderbares Setting für diesen Film, und Ausnahme-Kameramann Roger Deakins fängt es auf gewohnt betörende und zu Recht oscar­nominierte Weise in seinen Bildern ein. Auch auf Oscar-Gewinnerin Olivia Colman ist Verlass: Einmal mehr stellt sie in dieser Rolle, die zwischen emotionalen Extremen wie dumpfer Stille und lauten Ausrastern pendelt, ihre schauspielerische Bandbreite unter Beweis – ohne unbedingt in Bestform zu sein. Sie harmoniert im Übrigen auf spannende Weise mit ihrem jungen, charismatischen Kollegen Micheal Ward, den man bislang vor allem aus der Serie »Top Boy« und der Folge »Lovers Rock« von Steve McQueens Miniserie »Small Axe« kennt.

Dass »Empire of Light« trotzdem schwächelt, liegt am Ansatz von Mendes' erstem komplett allein verfassten Drehbuch. So sehr ist der Blick von den Erinnerungen an die eigene Mutter geprägt, dass die Auseinandersetzung mit deren komplizierter Psyche zwangsläufig eine äußerliche bleibt. Und weil es nicht nur um psychische Gesundheit, sondern eben auch um die erstickende Enge in der englischen Gesellschaft der frühen Thatcher-Jahre, um brutalen Rassismus und außerdem noch um die Kraft des filmischen Erzählens gehen soll, kann man sich am Ende des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein paar Themen zu viel verhandelt werden. Wirklich gerecht wird der Film dabei am Ende, trotz einiger sehr berührender Szenen, leider keinem.

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