Kritik zu Vorhang auf für Cyrano

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Keine wahre Geschichte: Alexis Michalik packt die fiktive Entstehungsgeschichte um die Geburt des Stücks »Cyrano de Bergerac« in einen Theaterfilm mit rasantem Komödien-Timing

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Zu Beginn steht Sarah Bernard auf der Bühne. Die Theaterdiva, nach der sogar eine Torte benannt wurde, deklamiert prätentiöse Reime, die klappern wie ein Motor, der auf drei Zylindern läuft. Ein Fiasko für den Autor Edmond Rostand, der mit seinen antiquierten Theaterstücken von der Zeit überholt wurde. Er sei »ja so was von 1895«. Wir, die Zuschauer von 2019, kennen aber das Happy End. Die Tragikomödie über Cyrano de Bergerac, den Mann mit der langen Nase, ist schließlich das berühmteste französische Bühnenstück. Rostard wird einen Triumph feiern – mit genau jenen Versen, die von zeitgenössischen Ignoranten diskreditiert wurden.

Bis es so weit ist, muss der Stückeschreiber vor dem leeren Blatt Papier tausend Tode sterben: Ein altbackenes Muster, das oft aufgegriffen worden ist, zuletzt in Bharat Nalluris »Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten« erfand. Hier muss der von Kollegen belächelte Autor mit jeder einzelnen Figur zunächst einen Strauß ausfechten, bis die Story psychologisch so authentisch wird, wie man sie kennt. Dieses Motiv hat Alexis Michalik in seinem Kinodebüt, das der polnischstämmige französische Schauspieler nach dem Überraschungserfolg seines thematisch gleichen Theaterstücks von 2016 inszenierte, kongenial neu entdeckt.

Danach sieht es zunächst nicht aus. Digital animierte Bilder, mit denen der Film ins Paris der Belle Epoque entführt, erscheinen kulissenhaft wie im Provinztheater. Dem vermeintlich altmodischen Kulissenzauber und dem Theaterdonner verleiht Michalik mit einem simplen Trick atemberaubende inszenatorische Dynamik, die über zwei Stunden anhält, ohne einen Durchhänger. So soll Rostand – überragend gespielt von dem vergleichsweise unbekannten Thomas Soulivérès – für den in Geldnöten steckenden Starschauspieler Coquelin (Olivier Gourmet) ad hoc ein Stück verfassen. Rostand hat keinen blassen Schimmer. Doch die atemlose Hast, mit der er in letzter Sekunde immer wieder neue Ideen improvisiert, überträgt sich auf den Betrachter. Der Kinozuschauer fiebert mit, wie die fiktive Entstehungsgeschichte mit dem Stück »Cyrano de Bergerac« ineinander gespiegelt wird.

Seinen Film, zu dem ihn »Shakespeare in Love« inspiriert habe, bezeichnet Michalik als Hommage an das Theater. Das sagt nichts aus. Sein Blick hinter die Kulissen hat nichts gemeinsam mit dem Pathos etwa von Ariane Mnouchkines »Théatre du Soleil«. Denn die zuweilen videoclipartige Rasanz, mit der Michalik dem Theater eine filmische Anmutung verleiht, basiert auf einer überraschenden Korrespondenz von Form und Inhalt. Einerseits lernt der Zuschauer jeden einzelnen Vers lieben – selbst wenn er sonst eher Prosa mag. Andererseits gelingt dem Film eine poetische Hochzeit zwischen Sprachbild und Filmbild. Vermeintlich altbackene Reime wie »Herz« und »Schmerz« vermögen die visuelle Poesie des zeitgenössischen Kinos neu zu beseelen. Große Kunst, völlig unerwartet.

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