Kritik zu Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

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Die Geschichte hinter der berühmtesten Geschichte von Charles Dickens, »A Christmas Carol«

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Der berühmte und mit seinem Roman »Oliver Twist« reich gewordene Autor Charles Dickens (Dan Stevens) lebt mit seiner Familie in einem luxuriösen Haus in London. Er bewegt sich in besten Kreisen, man erwartet noch Großes von dem knapp 30-jährigen Autor. Allein ihm fehlt es an Ideen. Seine Bücher »Nicholas Nickleby« und »Barnaby Rudge« konnten an den Erfolg von »Oliver Twist« nicht heranreichen und so sind seine Verleger nicht länger bereit, den aufwendigen Lebensstil vorzufinanzieren. Als er mit der Idee einer Weihnachtsgeschichte kommt, winken sie ab. Wer interessiere sich schon für Weihnachten. Doch Dickens ist überzeugt von seiner Idee, einen alten geizigen Mann durch die vergangene, gegenwärtige und zukünftige Weihnacht zu führen und daraus als geläutert hervorgehen zu lassen.

Dass »A Christmas Carol« mit seinem Ebenezer Scrooge zum meistverkauften Text überhaupt werden sollte, konnte Dickens da noch nicht ahnen. In Bharat Nalluris Verfilmung der Entstehungsgeschichte tritt Ebenezer Scrooge in Gestalt von Christopher Plummer in Dickens' Leben und fordert hartnäckig seine Geschichte, selbst wenn die Schreibhemmung den Autor überfällt. Dickens sucht sich schließlich einen Illustrator und bringt das Buch unter großem Zeitdruck zu Weihnachten im Selbstverlag heraus. Was wie ein spannendes Rennen gegen Termin und Erwartungen klingt, wird auf der Leinwand zu einem Märchenspiel in opulenter Ausstattung. Die Zauberwelt des Textes wird in die Darstellung seiner Ent­stehung übernommen, Wirklichkeit und Fiktion verschmelzen zu einem Puppenspiel aus der Trickkiste. Dabei hätte dem Film ­etwas mehr Wirklichkeit ganz gut getan.

Die Novelle »A Christmas Carol« von 1843 gilt heute, noch vor »Oliver Twist« und »David Copperfield« als das bekannteste und beliebteste Werk des Autors. Es wurde über 25 Mal verfilmt, erstmals 1901 in dem britischen Kurzfilm »Scrooge, or Marley's Ghost«. Der Stoff selbst ist also hinlänglich visualisiert worden, schon das macht eine Bebilderung desselben eigentlich über­flüssig. Das Leben von Charles Dickens selbst wäre da interessanter – und war vielleicht weit prosaischer. Bharat Nalluri aber will den märchenhaften Stoff als Märchen erzählen, womit er die Handlung des Textes einfach verdoppelt. Das mag vielleicht besser zu Weihnachten passen und das Raster des Familienfilms erfüllen, aber der Zeit, in der Dickens schrieb, den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Texte wie »Oliver Twist« entstanden, wird er dadurch nicht gerecht.

Es ist schade, dass Nalluri so stark auf Tricks und Ausstattung setzt und den Kräften der realistischen Unterhaltung nicht traut, wie es zum Beispiel John Lee Hancock in seinem Mary-Poppins-Film »Saving Mr. Banks« vorgemacht hat. Nalluris Dickens ist kaum mehr als ein flatterhafter Lebemann, der seine Töchter liebt und seine Frustrationen am Dienstmädchen auslässt. Aus den Klischees, die hier angehäuft werden, kommt der Film nicht mehr heraus.

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