Kritik zu Victoria & Abdul

© Universal Pictures

2017
Original-Titel: 
Victoria & Abdul
Filmstart in Deutschland: 
28.09.2017
L: 
112 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Nach einer wahren Geschichte: Judi Dench schlüpft zwanzig Jahre nach »Ihre Majestät Mrs Brown« noch einmal in die Rolle der nun zwanzig Jahre älteren Queen Victoria, die wieder eine ungewöhnliche Freundschaft beginnt

Bewertung: 3
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»Was immer du tust, du darfst ihr auf keinen Fall in die Augen schauen!«, wird dem indischen Gefängnisbuchhalter Abdul mehrfach eingeschärft. Klar, dass er im entscheidenden Moment gar nicht anders kann, als genau das zu tun. Doch die Queen nimmt diese direkte und persönliche Geste ausgesprochen dankbar entgegen, wie es überhaupt bald so aussieht, als läge es eher im Interesse des Hofstaates, die allmächtige Regentin so sehr abzuschirmen, dass sie völlig machtlos ist. Nun kommt also dieser Abgesandte der indischen Kolonie und erlöst die Queen mit einem einzigen, menschlichen Blick aus einer Art Totenstarre. In den ersten Bildern des Films wirkt Judi Dench noch wie eine plumpe Marionette, die sich durchs Protokoll treiben lässt. Rache an der höfischen Tischgesellschaft im Buckingham Palace nimmt sie nur, indem sie sich in rasender Eile durch die zahllosen Gänge des Menüs frisst, denn es gilt die Regel, wenn die Queen einen Gang beendet hat, werden an der Tafel augenblicklich alle Teller abgeräumt. Sie ist so unendlich zu Tode gelangweilt, dass sie zwischen den Gängen einzuschlafen droht. Entsprechend großen Spaß macht es, dabei zuzusehen, wie sie unter dem Einfluss von Abdul Karim (gespielt von Bollywood-Darsteller Ali Fazal) langsam zu neuem Leben erwacht.

Es ist ein subversives Vergnügen zu beobachten, wie sie den ganzen Hofstaat (verkörpert unter anderem von Olivia Williams und Michael Gambon) mit ihrer frisch erwachten Widerspenstigkeit verstört, insbesondere ihren Sohn Bertie (Eddie Izzard), der es kaum erwarten kann, dass seine scheinbar unsterbliche Mutter den Thron räumt. Dabei kann sich Frears auf eine reale Episode aus den letzten Lebensmonaten der Queen stützen, die allen Vertuschungsversuchen zum Trotz überliefert ist, wenn auch nur bruchstückhaft. Die in London lebende Inderin Shrabani Basu, die in ihren Büchern immer wieder aus den unrühmlichen historischen Verflechtungen von England und Indien schöpft, hat Karims Tagebuchaufzeichnungen posthum in ihrer Vorlage für Lee Halls Drehbuch verarbeitet.

Nachdem Stephen Frears zusammen mit Helen Mirren bereits in »The Queen« die verborgenen menschlichen Seiten einer britischen Regentin freigelegt hat, versucht er nun bei Queen Victoria dasselbe mit Judi Dench. 20 Jahre nach »Ihre Majestät Mrs. Brown« von John Madden verkörpert sie hier bereits zum zweiten Mal die verwitwete Queen Victoria, die von einem Bediensteten zu neuem Leben erweckt wird. Dieser stattliche indische Mann, der ihr eine Goldmünze präsentieren soll, wird bald zu einem Lichtblick in der Hofroutine ihres Lebens. Von ihm erfährt sie Genaueres über die britische Kronkolonie, die sie aus Sicherheitsgründen nie selbst bereisen durfte. Er bringt ihr ­Urdu bei, parliert mit ihr über den Taj Mahal, den Koran und Mangos. Als Politiker und Adlige den Aufstand proben, ernennt sie ihn kurzerhand zum royalen Berater, zum offiziellen »Munchi«, dessen wahre Gefühle und Gedanken in Frears Film allerdings nur eine sehr oberflächliche, also kolonialisierte Rolle spielen.

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