Kritik zu Verflucht Normal
Mit perfekter Mischung aus Humor, Drama und Aufklärung erzählt Kirk Jones die Geschichte von John Davidson und seinem Umgang mit dem Tourettesyndrom.
Ein Film im Spiegel der Musik. Kirk Jones’ »Verflucht normal« beginnt mit dem Song »Blue Monday« der Band New Order und Zeilen wie »Tell me, how does it feel / When your heart grows cold?« Am Ende liefern Oasis positive Akzente mit »Stop Crying Your Heart Out« und der Botschaft, das Leben trotz aller Widrigkeiten anzunehmen, wie es ist: »Just try not to worry.« Jones (Drehbuch und Regie) erzählt die Geschichte von John Davidson. Der 1971 im schottischen Galashiels geborene Davidson ist am Tourettesyndrom erkrankt und wurde für seinen Einsatz, über die neuropsychiatrische Krankheit aufzuklären, 2019 mit dem Orden des British Empire (OBE) ausgezeichnet. Jones konnte für seinen Film auf mehrere Quellen zurückgreifen, unter anderem die BBC-Dokumentationen »John’s Not Mad« von 1989 und »The Boy Can’t Help It« von 2002. Im vergangenen Jahr ist zudem Donaldsons Autobiografie »I Swear – My Life with Tourette’s« erschienen. Ihr verdankt der Film seinen englischen Titel: »I Swear«. Ich fluche.
2019 in Edinburgh sprengt Davidson (Robert Aramayo) die Feierlichkeit der OBE-Verleihung mit Elizabeth II., Streichern und »God Save the Queen«. Seine Krankheit, die sich in motorischen und vokalen Tics wie unkontrolliertem Fluchen ausdrücken kann, provoziert einen spontanen Ausruf: »F*** the Queen.« Tourette kennt keine Tabus.
»Wir hoffen, dass der Film unterhaltsam, emotional mitreißend und manchmal humorvoll ist«, hat Jones sein Konzept umrissen. Seine erste Begegnung mit dem Regisseur 2022 eröffnete Davidson mit den Worten: »Lass uns Sex haben!« Jones scheut nicht davor zurück, die unfreiwillige Komik, die manchen ungewollten verbalen Attacken innewohnt, publikumsfreundlich auszustellen. Aber James Blanns Kamera beobachtet auch die Entwicklung der unheilbaren Krankheit und ihre zerstörerischen Folgen. 1983 in Galashiels liefert der junge John (verkörpert von Scott Ellis Watson) als Bote die Lokalzeitung aus und verhindert erfolgreich Tore im Dienst seiner Fußballmannschaft. Erste Symptome wie ruckartige Bewegungen des Kopfes führen zu kritischen Kommentaren von Mutter (»Unsinn«) und Vater (»Was treibt er da?«). Shirley Henderson als überforderte und eisig reagierende Mutter zwingt den Sohn dazu, allein vor dem Kamin zu essen. Sprachliche Hervorbringungen wie »S*** my dick« tragen nicht zur Deeskalation bei. Entschuldigungen und Erklärungen (»I can’t help it«) stoßen auf taube Ohren, auch in der Schule. John erfährt Hänselei, Gewalt und Ausgrenzung. In einer Szene taucht er in den Fluss ein, an dem er sonst innere Ruhe beim Fischen findet: ein berührendes Bild für einen möglichen Ausweg aus dem Krankheitstrauma.
Es ist das Unverständnis der Umwelt, das John 13 Jahre später immer noch verfolgt. Der Kontakt mit dem ehemaligen Mitschüler Murray (Francesco Piacentini-Smith) und dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) bringt eine Wendung im Leben Johns. Sie behandeln ihn mit Verständnis und Empathie. Selbst einen Schlag ins Gesicht während des Einkaufens steckt Dottie stoisch weg. Doch auch Momente kleinen Glücks sind nicht ohne Blessuren zu haben. Ein Besuch im Musikclub endet mit einer Schlägerei und einer Gerichtsverhandlung. Tourette ist seitens der Justiz bis dahin nicht als Krankheit anerkannt. Doch es geht bergauf für John: mit dem ersten Job als Gemeindehausmeistergehilfe und dem Drang, Unverständnis mit Aufklärung zu begegnen.
Humor, Drama und Fakten befinden sich in perfekter Balance. Maxine Peake zeichnet ein nuanciertes Gegenbild zu Shirley Hendersons zunehmend verhärmter und verbitterter Mutter. Beide Schauspielerinnen reizen emotionale Extreme aus: zwischen unerreichbar entrückt und grenzenlos zugewandt. Peter Mullan ist Tommy Trotter: Hausmeister und Ersatzvater für John. Ein Mann vorbehaltloser Toleranz, selbst bei spontanen Schlägen in den Unterleib. Der mit dem britischen BAFTA-Schauspielerpreis ausgezeichnete Robert Aramayo liefert als John eine Schauspielmeisterklasse: eindringlich, wahrhaftig und bewegend.




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