Kritik zu A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

© Walt Disney

Hat ein selbst gebasteltes Spielzeug eine echte, eigene Identität? Diese und andere Fragen, die niemand bislang gestellt hat, werden in »Toy Story 4« wenn nicht erschöpfend, so doch äußerst unterhaltsam beantwortet

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Forky setzt sich zusammen aus einer Plastikgaffel – das ist ein Besteck zwischen Gabel und Löffel –, einem verbogenen Pfeifenreiniger und einem entzweigebrochenen Eisstiel ohne Eis. Forsch zusammengeklebt, mit etwas Plastilin und zwei Äuglein verziert, ergibt das ein Figürchen, das durchaus als Spielzeug durchgehen kann, dessen Bestandteile aber halt einem Papierkorb entstammen. Forky ist der Neuzugang in Bonnies Kinderzimmer – das kleine Mädchen hat ihn selbst gebastelt und ist dementsprechend vernarrt in das Plasteteil – und er stellt die Toys, allen voran den verantwortungsbewussten Sheriff Woody, vor ziemliche Probleme. Denn Forkys Spielzeugidentität ist alles andere als gefestigt und jeder Mülleimer scheint ihm die vermisste Heimat. Ehe man also noch alle Zubehörteile der Kartoffelköpfe gezählt hat, werden Woody und Forky in einem Trödelladen festgehalten, während Cowgirl Jessie und Space Ranger Buzz Lightyear versuchen, weiteres Übel zu verhindern. Mit der Ruhe auch in diversen anderen Kartons ist es also vorbei.

Dabei war die Spielzeugkiste am Ende von »Toy Story 3« (2010) so schön aufgeräumt gewesen: Andy, der allmählich erwachsen wurde, hatte seine Toys an die kleine Bonnie weitergereicht und auf diese Weise bis auf Weiteres all die Gefahren gebannt, die ihnen von Dachböden und Flohmärkten und Spendenschachteln und Müllkippen drohten. Ein runder, wunderbar warmer Schluss der 1995 mit »Toy Story« ins Leben gerufenen Saga war gefunden, und aller guten Dinge waren drei.

Mittlerweile gehört die »Toy Story«-Kiste dem Disney-Konzern, der sein wirtschaftliches Heil seit einiger Zeit vornehmlich im Variieren und Wiederkäuen eigener Stoffe sucht. Ob es den Hollywood'schen Money-Men wohl gelingen wird, den viel geliebten Spielzeugkarren nun endgültig gegen die Wand zu fahren? Oder würden die eigensinnigen Toys einmal mehr den Sieg davontragen über Routine und Simplifizierung?

Tatsächlich werden in »Toy Story 4« – der den ebenso charmanten wie außerordentlich zutreffenden deutschen Untertitel »Alles hört auf kein Kommando« trägt – sowohl diese als auch einige weitere Fragen, die Sie sich vermutlich noch nie gestellt haben, die Sie sich aber unbedingt längst schon hätten stellen sollen, umfassend und auf höchst unterhaltsame Weise beantwortet. Beispielsweise: Was wird eigentlich aus einem Spielzeug, das verloren gegangen ist? Wie fühlt sich ein Spielzeug, das verschmäht wird? Mit welchen Problemen hat ein Spielzeug zu kämpfen, das eigentlich gar keines ist, beziehungsweise einmal etwas anderes war? Was geht in den Plüschviechern vor, die in Jahrmarktsbuden feilgeboten werden? Und ist eine Bauchrednerpuppe tatsächlich eine Puppe oder nicht doch vielmehr etwas weitaus Sinister-Finstereres?

Zugegeben, es dauert ein wenig, bis die Chose in Schwung kommt und vor allem zu Beginn drängen sich die menschlichen Akteure etwas zu sehr in den Vordergrund. Dann wird disneytypischer Familienkitsch aufgeführt, wobei jede Szene mit der niedlichen Bonnie von einer süßlich-schmalzigen Musiksoße begleitet wird, die die Frage aufwirft: Was ist bloß in Randy Newman gefahren? Geradezu hyperrealistisch fällt an manchen Stellen zudem die Animation vor allem der Hintergründe aus, was einen seltsamen Kontrast herstellt zum insgesamt doch eher märchenhaften Charakter des Stoffes. Sowie aber die Geschichte an Fahrt aufnimmt, wird alles gut. Denn bald hat nicht mehr nur der selbst gebastelte Forky mit einer Identitätskrise zu kämpfen, bald steht generell die Möglichkeit einer Spielzeugexistenz ohne Kindbindung im Raum und mit ihr die Idee der Selbstbestimmung, gar von Freiheit. Und so nimmt das nächste abenteuerliche Kapitel des Bildungsromans der zarten Spielzeugseele von Sheriff Woody seinen Verlauf. Happy End? Vorläufig.

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