Kritik zu Tangerine

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Irene von Alberti kommt von der marokkanischen Hafenstadt Tanger nicht los. Seit 15 Jahren schon verbindet Regisseurin und Autorin eine filmische Liebe mit dem Land und seinen Widersprüchen

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Erste Frucht ihrer Liebe zu Tanger war 1995 der Episodenfilm »Paul Bowles – Halbmond«. Jetzt, in ihrem ersten Langfilm »Tangerine«, konfrontiert Alberti eine Gruppe von jungen, hippen Deutschen mit den Menschen, der Kultur und den Widersprüchen der bei Künstlern seit jeher beliebten Stadt.

Was Jean Genet über Tanger geschrieben hat, sei immer noch gültig, glaubt Irene von Alberti: »Wer nach Tanger fährt, sollte unbedingt seine gesamten Ersparnisse abheben und allen Freunden Lebewohl sagen, denn die Zahl derjenigen, die für einen kurzen Urlaub nach Tanger kamen und dann jahrelang hier hängenblieben, ist erschreckend hoch.« Pia (Nora von Waldstätten) und ihr Freund Tom (Alexander Scheer) sind Mitglieder einer Band, angezogen von Jajouka und Jilala, zwei Richtungen der marokkanischen Trance-Musik. Abends hängen Pia, Tom und Kollegen in Bars und Diskotheken ab. Dort warten Prostituierte auf ihre Kunden und junge Frauen auf ihren Märchenprinzen aus dem westlichen Ausland. Amira (Sabrina Ouazani) fällt den Deutschen durch ihren sinnlichen, erotischen Tanz auf. Amiras Faszination überträgt sich auf Pia und Tom gleichermaßen. Wobei Tom am Ende den Reizen der jungen Araberin, die sich der Zwänge ihrer Herkunft entledigen will, nicht mehr widerstehen kann. Das sorgt für Probleme in der ohnehin schon fragilen Beziehung zu Pia.

Irene von Albertis Film lebt vom Rätselhaften und Ungefähren. Er entwickelt sich wie ein musikalisches Thema: suchend, assoziativ, neugierig. Die Deutschen erscheinen als staunende Eindringlinge in ein mit Handkamera (Birgit Moeller) aufgenommenes, fremdes Milieu. Amira ist auf der Flucht vor ihrem offenbar sittenstrengen Onkel in einer Frauen-WG untergekommen. Dort leben Prostituierte, ein buntes Völkchen, deren existenzielle Not der Film aber nicht verschweigt.

»Tangerine«, in dem deutsch, französisch, englisch und arabisch gesprochen wird, ist mehr als eine mit zahlreichen Laiendarstellern besetzte Sozialstudie, der Film ist echtes Seelendrama. Und das betrifft vor allem die Frauen. Sabrina Ouazanis Amira lebt einerseits in einer Welt der Illusionen und unerhörten Sehnsüchte. Aber sie besitzt Energie, praktische Intelligenz und die Erfindungsgabe einer modernen Scheherazade. Der von der Prostituierten Neshua (Naima Bouzid) ausgesprochene Satz »Hänge dein Herz nicht an einen Mann« besitzt für sie keine Relevanz. Amira weiß, was – und wen – sie will.

Toms Freundin Pia empfindet die temperamentvolle, dunkellockige Amira bald als Konkurrenz, wenn nicht als Bedrohung. Die Eifersucht löst die letzten Spuren von Gutmenschentum bei ihr auf. Nora von Waldstätten verleiht ihrer Figur den Blick der Meduse. Wenn Pia wortlos grollt, drohen sich die Objekte ihres Zorns in Stein zu verwandeln. So intensiv geblickt hat lange keine Schauspielerin mehr im deutschen Film. Das Ende ist offen, die musikalische Struktur von »Tangerine« findet zu keinem die Sache abschließenden Schlussakkord. Irene von Alberti ist noch nicht fertig mit Tanger.

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