Kritik zu Take This Waltz

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In ihrem zweiten Spielfilm – nach ihrem großen Erfolg, dem Alzheimerdrama »An ihrer Seite« mit Julie Christie – erzählt Sarah Polley von einer jungen Frau zwischen alter Ehe und neuer Liebe

Bewertung: 5
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3 (Stimmen: 1)

Sechs Jahre nach ihrem gefeierten Spielfilmdebüt »An ihrer Seite« legt die Schauspielerin Sarah Polley ihren zweiten Film als Regisseurin vor. Zunächst klingt die Geschichte nach einem Kontrapunkt zu ihrem Erstling, in dem Julie Christie eine an Alzheimer erkrankte Seniorin spielte. In »Take This Waltz« verkörpert Michelle Williams Margot, eine Jungautorin aus Toronto, die während einer Arbeitsreise einen Mann namens Daniel (Luke Kirby) kennenlernt. Eigentlich ist Margot seit fünf Jahren glücklich mit dem Autor Lou (Seth Rogen) verheiratet, aber aus dem kurzen Flirt im Flugzeug wird bald Liebe. Die Tatsache, dass Daniel zufälligerweise ihr neuer Nachbar ist, macht die Sache nicht leichter.

Wenngleich »Take This Waltz« in einem komplett anderen Milieu und einer anderen Generation spielt als »An ihrer Seite«, sind die feinen thematischen Verbindungslinien verblüffend. In beiden Filmen geht es um Beziehungen, die sich über Jahre hinweg festigen konnten und sich nun, durch eine schicksalhafte Wendung, ganz allmählich auflösen. Beinahe wortlos geht das in beiden Filmen vonstatten, anstelle von Zorn oder Pathos setzt Polley auf eine Melancholie, die in »Take This Waltz« selbst komödiantische Momente durchdringt. Und in beiden Filmen nimmt einer der Partner die Entwicklung gar nicht wahr. Der erzählerische Fokus liegt hier wie da auf dem Ehepartner, der vor der Frage steht, wie er angesichts der Umstände mit seinem Leben weitermachen möchte. In »Take This Waltz« ist das Margot, die einerseits um das schleichende Ende ihrer Beziehung trauert, andererseits aber den Kitzel des Frischverliebtseins genießt und sich nach emotionaler Erfüllung sehnt. Ihre Ehe mit Lou ist keineswegs gefühllos, nur eben ein wenig eingefahren. Mag sein, dass Polley beim bourgeois-bohemen Lebensstil und den kindlichen Liebesritualen von Margot und Lou nur haarscharf an Kitsch und Verniedlichung vorbeischrammt, aber seltsamerweise gibt gerade das diesen »Szenen einer Ehe« ihre Wahrhaftigkeit: Das Süßliche ihres Alltags lässt die allmählich sich einschleichende Traurigkeit nur noch deutlicher hervorstechen.

Liebevoll schildert Polley das Miteinander von Margot und Lou, das sich in einem Schwebezustand zwischen zärtlicher Aufmerksamkeit und Routine befindet. Dass genau dieser Zustand der Vertrautheit eine funktionierende Beziehung ausmacht, scheint instinktiv auch Margot zu spüren. Es macht den Widerstreit ihrer Gefühle umso schmerzhafter. Passend zur Verunsicherung ihrer Filmfigur changiert Michelle Williams' Darstellung zwischen Willensstärke und naiver Mädchenhaftigkeit, Seth Rogen gibt den Kochbuchautor Lou als knuffig-verspielten Kumpeltyp, der in den entscheidenden Momenten eine große Reife zeigt. Und Luke Kirby mag als Lebenskünstler Daniel auf den ersten Blick der klassische Traumtyp sein, aber als begehrenswerteren Mann oder besseren Partner inszeniert Polley ihn klugerweise nicht.

Nicht zuletzt solche Ambivalenzen unterscheiden »Take This Waltz« von herkömmlichen Beziehungsfilmen. Es geht Polley nicht um richtige oder falsche Entscheidungen. Sensibel fängt sie einen Übergangszustand zwischen Loslösung und Neubeginn ein. Eine wunderschöne Schlüsselszene unterlegt sie mit dem Popsong »Video Killed the Radio Star«: Jede Verheißung ist mit einem Abschied verbunden. Aber die Frage, was man für eine Verheißung zu opfern bereit sein sollte, steht bis zum Ende im Raum. »New things get old«, heißt es in einer großartigen, amüsanten Szene, in der Polley mit kaum je gesehener Nonchalance sechs nackte Frauen verschiedener Generationen unter einer Gemeinschaftsdusche zeigt: Junge, durchtrainierte Körper und alternde, faltige, übergewichtige Körper stehen sich da gegenüber – »neu« und »alt«, und auf ihre Weise haben sie alle Reiz und Würde. Die große Meisterschaft des Films zeigt sich denn auch in Polleys vorurteilsfreier Art, schmerzhafte Dinge zu erzählen, ohne einen Schuldigen zu suchen – und je nach dem Stand des eigenen Beziehungslebens wird man als Zuschauer die Geschehnisse anders einschätzen. Eines aber, und das ist vielleicht die »Moral« der Geschichte, macht Polley sehr deutlich: Die Leere, die Margot empfindet, wird sie durch einen Beziehungswechsel nicht füllen können.

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