AutorenfilmerInnen mit Blockbusterpotential

Sarah Polley am Set von »An ihrer Seite« (2006)
Die Branche behandelt Regisseurinnen mit ungefähr derselben Einstellung, mit der vor 50 Jahren im Straßenverkehr vor »Frau am Steuer? Ungeheuer!« gewarnt wurde. Wir plädieren dafür, mehr Frauen mehr Geld in die Hand  zu geben, damit es auch mal einen weiblichen James Cameron gibt. Von ein paar aber wünschen wir uns, dass sie, als weibliche Woody Allens, einfach mehr Filme machen: low budget und stetig produktiv

Sollen mehr Geld bekommen:

Ursula Meier
Bisher hat die Schweizerin keinen Mainstream-Drang gezeigt. Ihre Modernisierungsgroteske Home: schräg, reduziert. Der Winterdieb: sensibel sozialkritisch. Aber es sind schon viele europäische Regisseure als blockbusterfähig bejubelt worden, die dann nicht geliefert haben. Perfekt für Meier wäre was mit Kindern und Stephen-King-Alltagshorror-Touch. Es könnte was wie Super 8 rauskommen.

Catherine Hardwicke
Wurde schlecht behandelt. Nach Thirteen und Dogtown Boys hievte man die Regisseurin und Production-Designerin ins hochpreisige Fantasy-Segment. Nach Red Riding Hood und dem ersten Twilight-Film fand sie sich im Fernsehen wieder. Extrem ungerecht, weil Hardwicke, wie es heißt, für Twilight die wichtigste Entscheidung traf: die Besetzung mit Kristen Stewart und Robert Pattinson. Wir bestehen auf einer zweiten Chance. Wonder Woman wäre noch frei.

Lynne Ramsay
Sie hat das Zeug dazu – nicht nur wegen We Need to Talk About Kevin, sondern weil sie durch zweimaliges Scheitern mit größeren Projekten für Big-Budget die nötige Abhärtung haben dürfte. Die Regie zur Bestsellerverfilmung The Lovely Bones musste sie 2004 an Peter Jackson abgeben, zum ersten Produktionstag vom star­besetzten Jane Got a Gun machte sie einen sagenumwobenen Exit. Leider weiß man nicht, was aus der vollmundig angekündigten »Moby Dick«-Verfilmung wird, die sie als Science-Fiction im All ansiedeln wollte.

Andrea Arnold
Das Regiefach ist ihre zweite Karriere – bis in die 90er war Arnold erfolgreich als Fernsehmoderatorin und -autorin tätig. Seit Red Road und Fish tank ruft man erleichtert ihren Namen, wann immer es um das Thema »Frauen als Filmemacherinnen« geht. Ihre Verfilmung von Wuthering Heights aber zeigte einen solch rabiaten Arthouse-Willen, dass man sich wünscht, sie würde diese Kraft lieber mal im Superhelden- oder Katastrophenfilmgenre austoben können.

Lone Scherfig
Vom dogmainspirierten Italienisch für Anfänger bis zum Hochglanzliebesfilm One Day mit den dogmenlosen Stars Anne Hathaway und Jim Sturgess – die Dänin Lone Scherfig hat einen weiten Weg zurückgelegt, wie man so sagt. Nun, da sie das Feld der verhaltenen Romanzen genügend beackert hat, wäre es an der Zeit, mal deutlich zu werden: einen Horror- oder besser noch Zombiefilm, wo die Gefühle nicht zart und versteckt sind, sondern krass und gefährlich.


 

Sollen mehr Filme machen:

Brit Marling
Die 32-jährige Amerikanerin ist als Schauspielerin bekannt, hat einen Dokumentarfilm gedreht (Boxers and Ballerinas) und ist als Autorin sehr umtriebig. Der von ihr mitgeschriebene Ökothriller The East aus dem letzten Jahr geht bereits in Richtung gehobener Mainstream. Aber sie hat schon ziemlich viele Lorbeeren bekommen für ein relativ schmales Werk. Und man sollte aufstrebende Talente nicht überfordern, wie das Schicksal des brasilianischen Stürmers Neymar zeigt.

Joanna Hogg
Tom Hiddleston ist als Loki in den Marvel-Filmen zum Star geworden. Aber seine unnachahmliche Mischung aus Sexyness und Intellekt hat die englische Regisseurin Joanna Hogg erspürt, die ihn 2007 und 2010 ihren schönen und ganz eigenartigen Beziehungs- und Familienfilmen Unrelated – mit seiner Schwester Emma – und Archipelago besetzte. Das soll sie bitte weiter machen: wunderbare Schauspieler entdecken und für große Karriere groomen.


Lisa Cholodenko
Von der kunstvollen lesbischen Liebesgeschichte High Art über die Rock-Mom in Laurel Canyon zur Familienkomödie The Kids Are Alright: darin könnte man schon einen Verbürgerlichungs- und Mainstreamisierungsprozess erkennen. Wenn Cholodenko also mehr Geld bekäme, wäre das kontraproduktiv. Auch deshalb, weil alle ihre Filme dieses Hippie-Flair haben, das jede Kosten-Nutzen-Rechnung zersetzt.

Lena Dunham
Der Liebling der Fernsehkritik steht nach drei Staffeln Girls und drei Jahren offenmundiger Bewunderung dafür, als so junge Frau schon so viel zu können – schreiben!, Regie führen!, schauspielern!, produzieren! –, unmittelbar davor, demnächst das Etikett »überschätzt«, bzw. »total überschätzt« angehängt zu bekommen. Jedes Filmprojekt mit mehr als Low-Budget-Status würde den Prozess nur beschleunigen.

Sarah Polley
Um ihren Erfolg als Schauspielerin muss man sich keine Sorgen machen, ihre Regiearbeiten von Away From Her über Take This Waltz bis zum Dokfilm Stories We Tell aber beschreiben einen Bogen, der immer weiter weg von den Kompromissen des Mainstream zu führen scheint. Und genau da will man sie auch haben, mit ihrer ganz eigenen, kanadisch geprägten Sensibilität und ihrem großartigen Theaterfamilien- und Linksintellektuellenhintergrund.

 

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