Kritik zu Räuberhände

© Salzgeber

Mit größtmöglicher Nähe erzählt İlker Çatak in seiner Romanverfilmung von einer scheinbar unzertrennlichen Freundschaft, die am Ende doch an den Unterschiedlichkeiten zu zerbrechen droht

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»Möge deine Reise fließen wie Wasser.« Zweimal erklingt dieser Wunsch in İlker Çataks Verfilmung von Finn-Ole Heinrichs Roman »Räuberhände«. Beim ersten Mal hat er etwas Spielerisches. Samuel, der gerade sein Abitur bestanden hat, spricht ihn aus. Erst auf Türkisch, dann auf Deutsch. So versichert er, der von seinem Vater nur weiß, dass er Osman heißt und zurück nach Istanbul gegangen ist, sich seiner Identität zwischen zwei Welten. Später, wenn Samuels bester Freund Janik ihn wiederholt, sind die beiden schon in Istanbul. Und diesmal klingt der Wunsch eher wie ein Fluch. Lange Zeit waren die Risse in der Freundschaft zwischen ihnen kaum zu bemerken, nun sind sie so groß geworden, dass sich ihre Wege zu trennen scheinen. Also legt der in behüteten Verhältnissen aufgewachsene Janik all seine Wut, seine Trauer und auch sein schlechtes Gewissen in diese paar Worte. Es hört sich so an, als wünschte er sich, dass das fließende Wasser zum Strom wird, der Samuel mit sich fortreißt. Dabei will er in Wahrheit etwas ganz anderes sagen.

Die Freundschaft zwischen Janik und Samuel hat etwas Magisches. Mit den sozialen Unterschieden, die sie trennen, gehen die beiden Abiturienten auf denkbar beste Weise um. Sie ignorieren sie einfach. Fast nichts kann diese Wahlbrüder voneinander trennen, weder Janiks Freundin noch die Überfürsorglichkeit seiner Eltern. Selbst eine große, von der Freundin mitausgelöste Krise kann nicht verhindern, dass Janik und Samuel nach dem Abitur gemeinsam nach Istanbul reisen.

İlker Çatak findet starke Bilder für die Selbstverständlichkeit, mit der die beiden von Emil von Schönfels und Mekyas Mulugeta gespielten Freunde mal raufen und mal gemeinsam träumen. Er fängt die Zeit, in der noch alles möglich erscheint, diesen so reizvollen wie fragilen Übergang von der Jugend zum Erwachsensein, mit wundervoller Leichtigkeit ein. Für die beiden 18-Jährigen ist das Leben erst einmal ein großes Abenteuer.

Trotz aller Romantik, die diese Romanverfilmung erfüllt, bewahrt sich Çatak einen genauen Blick für die feinen, zunächst unsichtbaren, später immer deutlicher hervortretenden Bruchlinien, die Teil dieser Freundschaft sind. Bei allem Mut, den die beiden haben, fehlt ihnen doch eins, die Sprache, die ihnen helfen könnte, ihre Konflikte zu überwinden. So sicher sie sind, wenn sie auf einer ganz direkten Ebene miteinander umgehen, so unsicher werden sie schließlich, wenn Worte und Sprache ins Spiel kommen. Was sonst selbstverständlich ist, wird plötzlich problematisch.

Auch das ist für Çatak ein Wesenszug ihres Alters, von dem die immer die größtmögliche Nähe zu den Figuren suchenden Einstellungen seiner Kamerafrau Judith Kaufmann erzählen. Überhaupt entwickeln die Bilder dieser Literaturverfilmung eine Freiheit, die über die Sprache hinausgeht. Çataks Film gleicht in seiner unverstellten Art und seinem Mut, einfach hinzuschauen und die Bilder sprechen zu lassen, seinen Protagonisten. Man könnte auch sagen, er fließt wie Wasser.

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