Kritik zu Quo Vadis, Aida?

© Farbfilm Verleih

Jasmila Žbanic schildert die unmittelbare Vorgeschichte des Massakers von Srebrenica als Thriller, der kein Erbarmen kennt

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Es gibt so einige historische Ereignisse, von denen viele Menschen lieber weniger wissen wollen. Das Massaker von Srebrenica gehört dazu: Unfassbares ist dort geschehen, unmittelbar unter den Augen einer UN-Friedenstruppe, und es ist gerade mal 25 Jahre her. Trotzdem überlässt man das Gedenken, Aufbereiten und Erklären weitgehend den Betroffenen und ihren Nachfahren. Wie etwa Jasmila Žbanic, die 1974 in Sarajevo geboren wurde und mit ihrem Spielfilmdebüt »Esmas Geheimnis – Grbavica« 2006 gleich den Goldenen Bären auf der Berlinale gewinnen konnte. Schon darin ging es um das Weiter- und Zusammenleben mit den Traumata, die der Jugoslawienkrieg hinterließ, einem Thema, auf das fast alle Filme der 45-jährigen Regisseurin auf die eine oder andere Weise Bezug nehmen. 

In »Quo Vadis, Aida?« wendet sich Žbanic nun besagtem Massaker von Srebrenica zu, und zwar auf ungewohnt direkte Weise. Es wirkt ein bisschen so, als hätte sie die Ausweichmanöver, das Nicht-genau-Hinsehen-Wollen nun satt. Der Film beginnt unmittelbar an Ort und Stelle jener alten Batteriefabrik bei Potočari, wo sich am 11. Juli 1995 um die 25 000 Bosniaken, größtenteils Frauen und Kinder, zu den dort stationierten UN-Soldaten flüchteten, nachdem das nahe gelegene Srebrenica von bosnischen Serben eingenommen worden war. Hier arbeitet die ehemalige Lehrerin Aida (Jasna Djuricic) als Übersetzerin.

Nicht nur wegen ihres Jobs bekommt ­Aida sehr bald mit, wie prekär die Lage sich gestaltet. Das niederländische Bataillon, das hier das Blauhelmkontingent stellt, erweist sich als hoffnungslos überfordert. Weder für die rund 5 000 Zivilisten innerhalb der Station noch für die fast 20 000 rundherum lagernden Flüchtenden kann ausreichend gesorgt werden. Zudem verschafft sich das bosnisch-serbische Militär immer unverschämter Zugang in die Station und diktiert die Bedingungen der Hilfe und des Abzugs. Aida versucht unterdessen mit zunehmender Verzweiflung, ihren Mann und ihre zwei Söhne dem Zugriff der Serben zu entziehen. 

»Quo vadis, Aida?« erzählt dabei keine besonders raffinierte Geschichte. Schließlich weiß man ziemlich genau, worauf es hinausläuft. Und doch schildert Žbanic mit einer Souveränität, die den Abwehrreflex gegenüber dem historischen Horror überwindet. Aida, wie sie wieder und wieder Station und Lager durchschreitet, von einer Ecke zur anderen, dort übersetzt, da verhandelt und an dritter Stelle um den Schutz für ihre Söhne fleht, hält den Zuschauer in Atem. Gleichzeitig registriert man gewissermaßen durch ihre Augen all die verräterischen Details: wie sich die Blauhelme von der serbischen Miliz demütigen lassen, wie Generäle sich hinter Anordnungen und Sachzwängen verschanzen und sehenden Auges wehrlose Menschen ausliefern. »Quo Vadis, Aida?« ist kein Thriller, dessen Spannung Spaß macht; in der aktuellen Situation rund um die Pandemie hallt die Botschaft des Films umso lauter: Nur weil wir uns etwas nicht vorstellen können, heißt es nicht, dass es nicht doch passieren kann.

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