Kritik zu Ponyo

© Universum Film

2008
Original-Titel: 
Gake no ue no Ponyo
Filmstart in Deutschland: 
16.09.2010
L: 
111 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Es scheint fast so, als wolle er die Tür zu seiner filmischen Wunderkammer diesmal nur zur Hälfte öffnen: Das neue Werk von Hayao Miyazaki könnte einen Teil seiner Bewunderer enttäuschen, denn es ist ein ausgesprochener Kinderfilm

Bewertung: 3
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Kann man die Welt retten, ohne die Kinder zu verstehen? Resigniert hat sich der Zauberer Fujimoto von der Zivilisation abgewandt und ist zu einem Amphibienwesen geworden. All sein Streben zielt darauf, dem Raubbau Einhalt zu gebieten, den die Menschen an der Schöpfung betreiben. Er ist eine widersprüchliche Figur wie einst Jules Vernes Kapitän Nemo. Unter den vielen undurchsichtigen Magiern, die Hayao Miyazaki erfunden hat, ist er gewiss derjenige, den man am leichtesten missverstehen kann. Aber die Hoffnung der Welt ruht in den Filmen des Japaners ohnehin meist auf den Schultern der Kinder. Fujimotos vernachlässigte Tochter Brunhilda, ein unternehmungslustiger Goldfisch, ist eine vielversprechende Kandidatin für dieses Mandat – würde ihre im Verlauf des Films zunehmende Müdigkeit nicht vom Preis kindlichen Tatendrangs künden. Eines Tages büxt sie aus und wird, in einem Marmeladenglas gefangen, an die Küste geschwemmt. Der fünfjährige Sosuke befreit sie, tauft sie Ponyo und schließt sie in sein Herz. Bald entdeckt er, dass seine neue Spielgefährtin gern Schinken mag und magische Kräfte besitzt: Als sie eine Wunde Sosukes heilt, vermischt sich sein Blut mit ihrem, wodurch sie sich allmählich in ein gleichaltriges Mädchen verwandelt. Gegen den Willen ihres Vaters wird Ponyo zur unerschrockenen Grenzgängerin zwischen den Elementen; aus ihrer Freundschaft zu Sosuke erwächst eine Liebe, die man so ernst nehmen darf wie eine zwischen Erwachsenen.

Das Lebensalter ist in diesem Kosmos der Ambivalenz allerdings auch kein unwiderruflicher Zustand. Schon in seinem vorangegangenen Film »Das wandelnde Schloss« wird die junge Heldin in eine Greisin verhext. Nun beschwört der bald 70-jährige Regisseur die Utopie eines einvernehmlichen Nebeneinanders von Kindergarten und Altersheim. Wiederum führt Miyazaki seinen Zuschauern die Mehrdeutigkeit der Welt vor Augen. Das Meer ist ein zugleich lebensspendender und bedrohlicher Ort. Die Schöpfung ist nicht unverwüstlich, aber widerständig: Ihre Fragilität lässt sich meistern. Die Verheerungen des Tsunamis, den Fujimoto entfesselt, um Ponyo zurück ins Meer zu holen, werden von den Bewohnern wacker erduldet. Ein Unglück führt bei Miyazaki stets zu etwas Gutem.

Ponyos Menschwerdung lässt sich auch als Allegorie auf sein sich verlagerndes Erzählinteresse lesen. Zwar führt er eingangs das Universum des Meeres fulminant in einer Explosion der Formen und Farben ein, fortan bleibt es jedoch ein zweitrangiger Schauplatz. Dem Alltag von Sosukes Familie widmet er weit größere Aufmerksamkeit. Nicht, dass darin nicht auch Magie nisten würde – man denke nur an die Szene, in der sich vor Ponyos Augen der Inhalt einer Tüte in eine schmackhafte Nudelsuppe verwandelt. Vielleicht ist es dieser Hinwendung zur Realität geschuldet, dass es dem Film an erzählerischem Elan gebricht. Es scheint, als habe Miyazaki diesmal seiner Fantasie Zügel angelegt. Auch die Animation lässt die frühere Anmut vermissen. Die vertraute, animistisch-ökologische Philosophie setzt er in seinem ersten Alterswerk eher mechanisch als dynamisch in eine Geschichte um. Die Kinder versteht er allerdings immer noch.

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