Kritik zu Nordwand

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Der Berg ruft – mal wieder. Philipp Stölzl knüpft an ein erzdeutsches Filmgenre an und erzählt von einem missglückten Angriff auf die legendäre Eigernordwand im Jahr der Nazi-Olympiade

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Für Zuschauer mit Höhenschwindel ist dieser Film ein echtes Bodygenre-Stück. Man steigt mit in die Eigernordwand ein und hängt beinahe selbst in den Seilen, wenn die Bergsteiger einen tollkühnen Quergang wagen. Auch der Blick in den Abgrund wird einem nicht erspart.

Der starke Realitätseindruck von Philipp Stölzls Cinemascope-Spektakel ist aus Bildern mit Sicherheitsgewähr zusammengesetzt: Panoramatotalen mit Stunt-Bergsteigern entstanden am authentischen Schauplatz im Berner Oberland, das Klettern in Naheinstellung besorgten die Schauspieler in ungefährlichen Höhenlagen und im künstlichen Frost eines Kühlhauses. Dennoch ist »Nordwand« ein packender Bergfilm in den Passagen, in denen die langsame, konzentrierte Körperarbeit im Felsen und die Wucht der Naturkräfte die eigentliche Hauptrolle spielen.

Der Film knüpft in Farbe, Format und beweglicher Aufnahmetechnik an das Bergfilmgenre an, das Arnold Fanck, Leni Riefenstahl und Luis Trenker schufen. Stölzl rekonstruiert die Ära vor dem Zweiten Weltkrieg, in der der Alpenkult durch Filme, die Presse und den wachsenden Tourismus zum Zeitgeistphänomen geworden war, das die Nazi-Propaganda mit Erobererpathos zu besetzen wusste.

Die melodramatische Aufladung von »Nordwand« lehnt sich an die Genrevorbilder an. Nicht die erfolgreiche Erstbesteigung von Heinrich Harrer und anderen (1938) wird nacherzählt, sondern ein scheiternder Versuch, den die bayerischen Bergsteiger Toni Kurz und Andi Hinterstoisser (Benno Fürmann, Florian Lukas) zwei Jahre zuvor zeitgleich mit ihren österreichischen Rivalen Willy Angerer und Edi Rainer (Simon Schwarz, Georg Friedrich) unternahmen. Im Sommer 1936 war der Medienhype um eine bevorstehende Erstbesteigung besonders lautstark, weil den Siegern olympisches Gold versprochen wurde. Der Wettlauf am Berg war in der Nazi-Presse ein forciertes Symbol deutscher Überlegenheit.

Im Drehbuch (Philipp Stölzl und drei Scriptdoktoren, Vorlage von Benedikt Röskau, der »Das Wunder von Lengede« und »Contergan« schrieb) erscheint dieser Diskurs als Konflikt zwischen Parallelwelten: naiv-unpolitische Bergkameraden im Kontrast zu einem Berliner Pressemann (Ulrich Tukur, jeder Satz ein Ausrufezeichen!). Der Stadtmensch und die markigen Naturburschen haben nichts gemein. Saubere Helden und schmutzige Zivilisation sind wieder einmal tröstlich getrennt. Obszön nur, dass das frivole Spektakel vor den Augen der Schaulustigen auf der vertikalen Bühne des Bergs abrollt.

Der Kontrast zwischen Nobelhotel und Natur, Wärme und Kälte, aggressiven Kopfmenschen und tapferen Körperartisten bestimmt die Erzähldynamik des Films allzu mechanisch. Zwischen die Fronten ist wie im alten Bergfilm die eine Frau gesetzt, die das Objekt verdrückter libidinöser Sehnsucht der Männer darstellt. Luise Fellner (Johanna Wokalek), die Jugendliebe von Toni Kurz, hat es als Fotografin nach Berlin verschlagen. Liebe ist hier wieder romantisch verinnerlicht, die unbezwingbare Natur erscheint wie ein erotisches Ersatzobjekt, das dramatische, durch Luises kühne Rettungsversuche bis zuletzt schmerzvoll aufgeschobene Sterben des Helden als ein Bild wahrer männlicher Noblesse, die zu kathartischem Mitgefühl aufruft. Hätte sich Toni Kurz nicht für seinen durch Steinschlag verletzten österreichischen Rivalen verantwortlich gefühlt und die Rückkehr ohne den besessenen Gegner antreten können, wäre der Wettlauf mit der Kälte vielleicht zu gewinnen gewesen.

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