Kritik zu Mitten im Sturm

© NFP

2009
Original-Titel: 
Within the Whirlwind
Filmstart in Deutschland: 
05.05.2011
V: 
L: 
106 Min
FSK: 
12

Marleen Gorris verfilmte die berühmten Memoiren von Evgenia Ginzburg, die in »Marschroute eines Lebens« und »Gratwanderung« ihr Leben und Überleben im Gulag beschrieb

Bewertung: 2
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Wie ist es möglich, dass vor »Mitten im Sturm« nur ein Spielfilm über die sowjetrussischen Gulags – der US-Film »Hölle ohne Wiederkehr« von 1984 – gedreht wurde, der überdies in den Siebzigern spielt? Mit »The Way Back« wird im Juni ein weiterer Gulag-Film aus der Stalin-Zeit anlaufen, der sich aber hauptsächlich um Flucht dreht. Die Existenz der sowjetischen Arbeitslager stellte selbst nach dem Nobelpreis für Solschenizyn im linken Diskurs viele Jahrzehnte lang den »Elefanten im Raum« dar: unübersehbar, peinlich, weiträumig umgangen. Dieses Dilemma wird auch noch in Marleen Gorris' Verfilmung des Schicksals der Universitätsprofessorin Evgenia Ginzburg, die 1937 zu zehn Jahren Zwangsarbeit im sibirischen Gulag verurteilt wurde, spürbar. Ginzburg war eine überzeugte Kommunistin, die im Zuge von Stalins anti-trotzkistischen »Säuberungen« deportiert wurde. Nach der Lagerzeit trat sie erneut in die Partei ein (was der Film nicht erwähnt).

Basierend auf Ginzburgs literarischen Lebenserinnerungen, kreist Gorris um eine Handvoll Bezugspunkte: die von kafkaesken Verleumdungen geprägte Vorgeschichte ihrer Verhaftung, die ersten Jahre im Lager, wo sie, nachdem sie vom Hungertod ihres ältesten Sohnes erfährt, einen Selbstmordversuch unternimmt, und ihre Beziehung zum deutschstämmigen Lagerarzt Anton Walter. Als poetisches Leitmotiv dienen Gedichte von Ossip Mandelstam, die Ginzburg sich und den anderen Frauen als Überlebenshilfe und Religionsersatz quasi vorbetet.

Erzählt wird diese qualvolle Geschichte aus Ginzburgs subjektiver Sicht, die sich hier leider zum Tunnelblick verengt. Emily Watson ist besonders dann gut, wenn sie als Evgenia fassungslos absurde Anschuldigungen kontern muss, wenn sie erlebt, wie ihr Umfeld, einschließlich ihres Ehemannes, eines hohen Funktionärs, sukzessive einknickt und unter dem Druck der Partei falsche Geständnisse macht (die aber nichts nützen). Diktatur, so zeigen diese Szenen eindringlich, bedeutet auch, sich im übertragenen Sinne brechen zu lassen. Doch schon fragt man sich, ob Ginzburg, die anfangs als beschwingte Karrierefrau mit Beruf und Kindern gezeigt wird, tatsächlich so verblendet war, dass sie nicht sah, dass die mageren Bauern, denen diese gut genährte Parteigenossin die Vorzüge des Kommunismus predigt, keinerlei Begeisterung aufbringen. Ergänzende historische Informationen fehlen völlig.

Nebenbei macht Gorris, die seit »Antonias Welt« als feministische Filmemacherin gilt, den alten Fehler, ihre Heldin allzu fleckenlos zu zeichnen und dadurch zur Ikone zu verflachen; könnte es sein, dass Ginzburg selbst, bis zu ihrer eigenen Verhaftung, die Stalinopfer als unvermeidliche Kollateralschäden betrachtete? Ähnlich verhalten ist die anekdotische Schilderung der Lagergreuel; fünf von 18 Millionen Gulag-Häftlingen starben, erfahren wir im Nachspann. Im Übrigen konnte Gorris nicht in Russland drehen, sondern musste nach Polen ausweichen. So entstand eine bewegende, aber im Grunde brave und dürftige Nacherzählung mit zu viel understatement, deren größtes Verdienst es ist, dass sie viele Fragen aufwirft.

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