Kritik zu The Way Back

© Splendid

2010
Original-Titel: 
The Way Back
Filmstart in Deutschland: 
30.06.2011
Sch: 
L: 
133 Min
FSK: 
12

Sieben Jahre nach »Master & Commander« kehrt Peter Weir ins Kino zurück: mit der abenteuerlichen Geschichte über einen fast 6.500 Kilometer langen Weg aus einem sibirischen Gulag in die Freiheit

Bewertung: 3
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Sie ziehen durch die unendlichen Wälder Sibiriens, die Steppen und Wüsten der Mongolei, über den Himalaya, leiden unter Hunger und Durst, trotzen Schnee- und Sandstürmen, schneidender Kälte und sengender Hitze. Doch alle Strapazen und Gefahren erdulden sie in der Hoffnung, der Hölle des Gulag zu entkommen und in Freiheit leben zu können. Es ist eine Geschichte vom Überlebenswillen unter widrigsten Umständen, vom Kampf des Menschen mit den Elementen, die Peter Weir in »The Way Back« erzählt. Basierend auf den 1956 veröffentlichten, in ihrer Authentizität höchst umstrittenen Memoiren von Slavomir Rawicz mit dem Titel »Der lange Weg« zeichnet er die Geschichte von sieben Männern nach, die 1941 aus einem sibirischen Gefangenenlager fliehen, unterwegs ein junges Mädchen aufgabeln, das wie sie selbst auf der Flucht vor Stalins Häschern ist, und sich zu Fuß bis nach Indien durchschlagen. Nur drei von ihnen kommen dort an.

Im Mittelpunkt des Films steht der Pole Janusz (Jim Sturgess), wegen angeblicher Sabotage verurteilt, der die Flucht initiiert und zum Anführer der Gruppe wird. Begleitet wird er unter anderen von einem etwas rätselhaften Amerikaner (Ed Harris), einem Priester, einem zeichnenden Konditor und einem nachtblinden Polen (Sebastian Urzendowsky). Doch nicht nur politisch Verfolgte sind unter den Flüchtlingen, auch der skrupellose Mörder Valka (Colin Farrell). Das tapfere Mädchen wird von Jungstar Saoirse Ronan verkörpert. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe also, und die typische Belegschaft für einen Survival- Film. Aus ihr entwickeln sich zwangsläufig einige Konflikte und die naheliegendsten Fragen: Wer wird es schaffen, wer nicht?

Die Charaktere allerdings bleiben trotz sehr guter Schauspielerleistungen skizzenhaft – und ebenso der historische Hintergrund, die Ära Stalin und der Terror. Beinahe austauschbar erscheinen die Geschichten der Flüchtlinge, wenn sie sich erzählen, wie ihr Leben vor dem Gulag aussah und wie sie inhaftiert wurden. Das mag zum einen an der etwas lieblosen Art wirken, wie das Drehbuch die betreffenden Szenen eingestreut hat, zum anderen ist es aber auch der großen Hingabe von Weirs Inszenierung an die so rauschhaft schöne wie bedrohliche Majestät der Landschaften geschuldet. In den eindrucksvoll fotografierten und auch akustisch äußerst präsenten Wald-, Berg- und Wüstenszenerien wirken die Worte der Protagonisten oft seltsam klein und leer.

Fast scheint es, als habe sich Weir mit dieser dokumentarischen Geschichte eine Last aufgebürdet, die er nur widerwillig trägt, während sein wahres Interesse der Transformation des Menschen in der und durch die Natur gilt. Und da sind wir ganz und gar auf Weirs ureigenem Territorium: Wie in früheren Filmen von »Picknick am Valentinstag« über »Mosquito Coast« bis »Master & Commander« beweist er ein ungeheures Gespür für die Elemente und Landschaften, ihre Macht und ihr Geheimnis, und entlockt ihnen trotz des realistischen Ansatzes eine manchmal fragile, manchmal mystisch durchströmte Poesie, ohne sie je zu verklären. Von Trapperromantik keine Spur, schließlich geht es um eine dem Menschen vollkommen gleichgültig gegenüberstehende und tödliche Gefahren bergende, unendliche Weite. Der Kommandant des Gulag drückt es am Anfang des Films so aus: »Nicht dieses Lager, sondern Sibirien ist euer Gefängnis, und die Natur ist euer Gefängniswärter.«

So ist »The Way Back« ein Film über zwei Arten der Gefangenschaft: In der menschengemachten, engen Hölle des Gulag und in der menschenfremden Weite der Wildnis. Um eine Überlebenschance zu haben, müssen die Flüchtlinge ein Teil von ihr werden, und Weir zeigt das in eindringlichen Bildern: Wie sie sich mit Masken aus Birkenrinde vor dem Schneesturm schützen; wie sie Wölfe von ihrer Beute verjagen, um sich dann selbst wie Wölfe auf das rohe Fleisch zu stürzen; wie das Klima und die Strapazen sich immer tiefer in ihre Gesichter und Körper einschreiben. Auf Oberflächenspannung setzt Weir dabei kaum, erzählt Ereignisse teilweise elliptisch, die andere mit allen Mitteln dramaturgisch aufladen würden. Stattdessen lässt er die Handlung ganz souverän immer wieder in Momente großer Ruhe, ja völliger Stille münden. Das ist großartig wie einiges andere an diesem Film – und doch krankt »The Way Back« sehr daran, dass die Charaktere nur wie lästige Anhängsel einer tiefen, vielschichtigen physischen Welt erscheinen.

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