Kritik zu Marie Curie – Elemente des Lebens

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Rosamunde Pike verkörpert die legendäre Wissenschaftlerin, deren Leben Marjane Satrapi nach Vorlage der Graphic Novel »Radioactive« von Lauren Redniss hier schildert. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Liebes- und Arbeitsbeziehung von Pierre und Marie Curie

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Die Spielfilme der vergangenen Monate haben den Rollen und Bildern von Frauen in der Vergangenheit und Gegenwart, in Realität und Fiktion eine erfreuliche Aufmerksamkeit gewidmet. Ob es nun um Seberg in »Jean Seberg – Against all Enemies« geht, um verhinderte Künstlerinnen wie in »Lara« oder »Das Vorspiel«, um die jungen Frauen in »Little Women« oder aber die Emanzipation von Harley Quinn in »Birds of Prey« – im Mittelpunkt stand meist das Spannungsverhältnis zwischen innerer Haltung, Lebenszielen und gesellschaftlichen Widerständen. So verhält es sich auch mit »Marie Curie – Elemente des Lebens«. Und doch bereitet dieses Biopic in der Regie von Marjane Satrapi der Zuschauerin große Enttäuschung. Das liegt nicht so sehr an der konventionellen Bildgestaltung, die man in dieser Abgedroschenheit allerdings nicht von einer Künstlerin wie Satrapi erwartet hätte, die 2007 mit ihrem Regiedebüt, dem nach ihrem eigenen Comic inszenierten fulminanten Animationsfilm »Persepolis«, für Aufsehen sorgte. Nein, das Enttäuschende liegt in der Penetranz, mit der die Figur der Jahrhundertwissenschaftlerin Marie Curie (Entdeckung der Radioaktivität, zwei Nobelpreise etc. pp.) hier im Rahmen der privaten und beruflichen Partnerschaft mit dem Wissenschaftler Pierre Curie immer wieder auf ihr Frausein reduziert wird.

Denn warum sonst sollte es nötig sein, Marie Curie gleich zwei Mal, bei der Geburt ihrer beiden Töchter, in den Wehen zu zeigen? Und warum sonst stellt Satrapi die Liebesbeziehung zwischen Pierre und Marie so sehr in den Mittelpunkt? Der Film setzt 1934 ein mit dem physischen Kollaps von Marie Curie, und er endet mit ihrem baldigen Tod im Hospital – dies ist der Rahmen der Handlung, die zunächst in die französische Metropole zu Ende des 19. Jahrhunderts führt und die Titelheldin als fordernden, selbstbewussten und anspruchsvollen Charakter in einer durchweg männlichen Forscherwelt präsentiert. Hier ringt Marie Curie (Rosamund Pike) um ihren Platz und um Anerkennung, aber schon naht Pierre Curie (Sam Riley), der sich als ebenso fortschrittlicher wie verständnisvoller Ehemann und Mitarbeiter erweist. Es hilft nicht viel, dass Marie Curie immer wieder mit Worten auf ihrer wissenschaftlichen Unabhängigkeit besteht, denn der Film sperrt sie ungeachtet aller Verlautbarungen quasi ein in die kleinste gemeinsame Zelle der Gesellschaft, die Familie. 

Das Drehbuch schrieb Jack Thorne auf der Basis der Graphic Novel »Radioactive – Marie & Pierre Curie: A Tale of Love and Fallout« von Lauren Redniss. Abgesehen von den Dilemmata der Dramatisierung des Comics und der Bildgestaltung (Kamera: Anthony Dod Mantle) teilt sich einiges mit über die französische Gesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit ihrem Antisemitismus und ihrer Fremdenfeindlichkeit (Curie wurde 1867 als Marie Salomea Skłodowska in Warschau geboren). Und über Curies Forschung konkret. Etwa dass diese weitgehend in Knochenarbeit bestand, wenn beispielsweise mit dem Hämmerchen aus Tonnen von Material Pechblende zu extrahieren war. Dass diese Arbeit gefährlich war, denn man kannte das gesundheitliche Risiko durch Strahlung anfangs nicht, wird durch fortwährendes Husten der Hauptprotagonisten allzu deutlich klargemacht.

Die Frage nach der Verantwortung von Wissenschaft und dem stets möglichen Missbrauch ihrer Forschungsergebnisse setzt dieser Film ähnlich plakativ in Szene. Den Segen der Strahlentherapie erfährt 1957 ein krebskrankes Kind in Cleveland, USA. Die Katastrophe von Hiroshima 1945 bietet sich aus zweierlei Perspektive dar: Von oben ist es die der beiden Piloten der B-29, die die Atombombe abwarf, während von unten Bewohner der japanischen Stadt die Bombe fallen sehen. US-Atomversuche im Jahr 1961 in der sogenannten »Doom Town« im Bundesstaat Nevada werden nachgestellt, und auch Tschernobyl 1986 wird nicht vergessen. Das ist soweit nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar aber ist, wie in Satrapis Film die Sensation von Curies wissenschaftlichen Entdeckungen klein gehalten wird zugunsten des Pathos der Paarbeziehung.

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