Kritik zu Lara

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Sieben Jahre nach seinem gefeierten Debüt »Oh Boy« erscheint nun Jan-Ole Gersters zweiter Film. Es ist wieder ein großer Wurf geworfen

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Ein Fresskorb geht immer. Wer nicht weiß, was er einem anderen schenken soll, kauft einen Fresskorb. Wenn allerdings ein Sohn seiner Mutter zum sechzigsten Geburtstag so einen Korb präsentiert, ist das eher ein Offenbarungseid, ein trauriger Witz, wie so vieles in Jan-Ole Gersters neuem Film. Es ist erst sein zweiter nach seinem gefeierten Debüt »Oh Boy« (2012). Lange hatte Gerster nach einem Stoff gesucht, schließlich das Drehbuch des Slowenen Blaž Kutin gefunden. »Lara« ist wieder ein großer Wurf geworden: ein Porträt von beeindruckender Tiefe und die Aufforderung, unser Leben zu überprüfen.

Wie in »Oh Boy« konzentriert sich die Handlung auf einen Tag. Lara (Corinna Harfouch) wird sechzig, und ihr Sohn Viktor (Tom Schilling) gibt das wichtigste Klavierkonzert seiner Karriere: Es ist sein Debüt als Komponist. Den Freudentag beginnt Lara allerdings damit, dass sie sich aus dem Fenster stürzen will, was auf bizarre Weise misslingt. Gerade steht sie auf einem Stuhl am offenen Fenster ihrer Hochhauswohnung, da klingeln zwei Polizisten bei ihr und schleppen sie als Zeugin zu einer Wohnungsdurchsuchung. »Einmal Beamtin, immer Beamtin«, meint einer der beiden – auch das ein böser Witz. Zwar hat Lara bis zu ihrer Pensionierung in der Stadtverwaltung gearbeitet, den Job aber eisern verachtet. Ihre Leidenschaft gilt der Musik. Sie hat Klavier gespielt, hatte große, ehrgeizige Pläne. Bis ein einziger, vernichtender Satz ihres Professors dazu führte, dass sie von einem Tag auf den anderen aufhörte zu spielen. Das ist der große Schmerz in Laras Leben, das danach falsch und vergiftet verlief. Sie hat das dann an ihrem Sohn ausgelassen, ihn unterrichtet und seine musikalische Karriere forciert. Viktors Konzert müsste sie nun glücklich machen. Einige Wochen zuvor aber hat ihr Sohn jeden Kontakt zu ihr abgebrochen. Es ist eine Scherbenexistenz, vor der Lara an ihrem sechzigsten Geburtstag steht.

In dem zeitlich engen Rahmen, den er sich gesetzt hat, zeichnet Gerster ein maximal intensives Porträt. Nicht, dass Lara viel von sich erzählte, so eine ist sie nicht. In den Begegnungen dieses Tages entsteht vielmehr das Bild einer Frau, der Kontrolle über alles geht, die perfektionistisch ist, manipulierend und boshaft sein kann, die aber kein Eisberg und kein Monster ist. Deren verfehltes Leben vielmehr unseres berührt. Für die Rolle hat Gerster Corinna Harfouch gewinnen können – ein Glücksfall. »Lara« ist ganz und gar ihr Film. »Ob ich »Lara« verfilmen würde, habe ich von ihrer Zusage abhängig gemacht«, hat der Regisseur erklärt. Welche andere deutsche Schauspielerin hätte Lara auch sonst verkörpern können? Eine faszinierende Mischung aus beherrschter Leidenschaft, Intelligenz, Verhärmung, Sehnsucht und Trotz strahlt Harfouch aus, sie erinnert entfernt an Isabelle Huppert, die eine ähnliche Rolle gespielt hat in Michael Hanekes »Die Klavierspielerin« (2002).

Immer wieder scheint sich Laras Mund kritisch zuzuspitzen, ihre ganze Lebensenttäuschung liegt in diesem Tabaksbeutelmund. Lara kauft alle Restkarten auf, die es für das Konzert ihres Sohnes noch gibt. Dann kauft sie ein teures Cocktailkleid und lässt sich im kleinen Schwarzen durch Berlin treiben, eine bitter gealterte Schwester im Geiste von Gersters jugendlichem Protagonisten in »Oh Boy«. Sie trifft ehemalige Kollegen, ihren Nachbarn (André Jung), ihren früheren Klavierprofessor (Volkmar Kleinert) und diverse Zufallsbekanntschaften, denen sie alle die Karten für Viktors Klavierabend in die Hand drückt. Freunde hat Lara nicht.

Die Bilder (Kamera: Frank Griebe) sind streng kadriert. Die Räume sind trostlos-korrekte Tableaus, in Grau-, Braun- und Blautönen, in denen die Figuren wie gefangen sind. Laras Blick auf die Welt lässt alles und jeden zur hässlichen Minderwertigkeit schrumpeln. Der nette Nachbar – ein sympathischer, aber schlichter Typ. Der Klavierschüler, den sie bei der Suche nach ihrem ehemaligen Professor vorspielen lässt – ein talentloser Junge, nur am Handy interessiert. Laras Kommentar ist so vernichtend, dass der Junge wohl nie wieder spielen wird. Menschlich ist das furchtbar – aber hat Lara in der Sache nicht recht?

Auch Gerster sieht die Menschen, denen Lara auf ihrem Streifzug durch Berlin begegnet, kritisch, zeichnet die meisten von ihnen, dezent karikierend, als eher simple Gemüter. Aber rechtfertigt das Laras Kommentare? Und wo ist die Grenze, wann sollte die Kritik (auch die Selbstkritik) besser die Klappe halten? Als Lara ihren Sohn vor dessen Konzert doch noch trifft, verunsichert sie ihn mit einer einzigen Bemerkung, einem einzigen Adjektiv so sehr, dass man bis zuletzt um Viktor fürchten muss.

Tom Schilling spielt ihn als hypersensiblen, von Selbstzweifeln zermarterten Künstler, der den Absolutsheitsanspruch seiner Mutter unauslöschlich in sich trägt. Laras richtender, ja hinrichtender Blick erscheint schließlich als Erbe einer Tradition, die den Geniekult pflegt, mit oft fatalen Folgen. Dass Viktor seine Komposition schließlich spielt, ist seine Unabhängigkeitserklärung nicht nur an seine Mutter.

Am Abend nach Viktors Konzert, das Gerster glücklicherweise nicht als den Höhepunkt, Versöhnungs- und Erlösungsmoment inszeniert, wie es andere Regisseure getan hätten, trifft Lara ihren ehemaligen Klavierprofessor wieder. Ganz genau erinnert sie sich an den Satz, der ihr Leben zerstört hat: »Wenn ich an den Tag Ihres ersten öffentlichen Auftritts denke, bedauere ich Ihre Eltern jetzt schon für die Blamage.« Für Lara ist ihr alter Professor immer noch die absolute Autorität – ein Mann mit viel zu viel Macht und null Empathie. »Lara« lässt sich auch als Beitrag zur MeToo-Debatte verstehen. Er soll ihre Lebensentscheidung bestätigen. Lara will hören, dass es richtig war, das Klavierspiel aufgegeben zu haben. Ach was, der Satz, sagt der alte Klavierprofessor ohne jede Reue, das habe er einfach nur so gesagt. »Sie hatten sehr großes Talent.« Es ist ein Moment wie bei Guy de Maupassant, eine tieftraurige Pointe. Schon was sich dabei im Gesicht von Corinna Harfouch abspielt, die Ausbreitung der Leere, ist Grund genug, den Film anzusehen.

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