Kritik zu La maison – Haus der Lust

französisch © Rezo Films

Eine junge Französin verdingt sich in einem Berliner Freudenhaus und schreibt ein Buch über ihre Erfahrungen: ein Blick auf das älteste Gewerbe der Welt aus ungewohnter Perspektive

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Freudenhäuser sind in Deutschland legal, Prostitution ist gesetzlich geregelt. Warum es nicht mal probieren? Dies waren die Überlegungen von Emma Becker, einer nach Berlin gezogenen Französin auf der Suche nach Inspiration für ihr drittes Buch. Nach zwei Jahren Sexarbeit beschrieb sie ihre Erfahrungen im autofiktionalen Roman »La Maison« (2020 auch in Deutschland erschienen). Ihr Buch sorgte für Furore, die Verfilmung aber wurde in Frankreich als lahm abgetan. Nun gibt es etliche mit Splitscreen vervielfachte Sexszenen. Diese aber haben keinen pornografischen, sondern mehr einen didaktischen »How to«-Charakter, wobei die Hauptdarstellerin ohne Mätzchen meist das Ruder übernimmt. Die Kritik, dass es nichts Originelles, sprich: Aufreizendes, zu sehen gebe, bestätigt die Ansicht der Autorin, dass über Prostitution seit jeher meist aus der Perspektive von Männern berichtet wird. Da werden Huren gern auf ein Podest gehoben, als Opfer bemitleidet oder, wie in »Belle de Jour«, als Symbol bürgerlicher Pathologien instrumentalisiert.

In dieser Verfilmung erscheint das älteste Gewerbe der Welt zunächst als Dienstleistung, vorgestellt aus der Perspektive einer Praktikerin und neugierigen Literatin. Nachdem Emma zunächst in einem eher unpersönlichen Bordell gearbeitet hat, zieht sie um ins »La Maison«. In ihrem Buch beschrieb Becker einen familiären Puff im alten Westberlin, gelegen zwischen Kirche und Grundschule. Auch im Film erscheint das Etablissement als Idealversion eines Freudenhauses. Eine Handvoll Frauen jeden Alters – u. a. Rossy de Palma – vertreibt sich im gemütlichen Pausenraum rauchend und plaudernd die Zeit zwischen den Freiern, eine Haushälterin sorgt fürs leibliche Wohl. Die plüschrot ausgestatteten Separées befinden sich hinter schweren Vorhängen, die Männer sind meist Allerweltstypen: Familienväter, Einsame und Schüchterne, ein Arzt als Stammgast, der bei Krankheit mit diskreten Hausbesuchen hilft. Emma, die sich nach de Sade Justine nennt, gibt gelegentlich auch die Domina, und manchmal kommt eine Frau.

Emma fühlt sich in dieser Ersatzfamilie bestens aufgehoben. Allerdings durchlebt sie als literarische Spionin dasselbe moralische Dilemma wie die Heldin des Putzfrauendramas »Wie im echten Leben«. Anders als ihre Kolleginnen, die oft neben offiziellen Berufen als Teilzeitprostituierte anschaffen, um Rechnungen bezahlen zu können, ist Emmas Geldnot ein Vorwand. Regisseurin Bonnefont tut sich schwer damit, Emmas widersprüchliche Gefühle transparent auszuloten. Die Unschärfen betreffen nicht nur die Grenze zwischen Libertinage und Prostitution. Der Film ist durchzogen von der Botschaft, dass Huren nicht automatisch Opfer sind, doch die Auslassungen nicht nur bezüglich der Psyche der Heldin werfen Fragen auf. Ist es legitim, die ausbeuterischen Zustände jenseits dieses kuscheligen Bordells so komplett zu ignorieren? Dass Emmas Gefühl, die Kontrolle zu haben, eine Illusion ist, wird angesichts sadistischer Freier früh deutlich gemacht. Ihre unbefangene Perspektive ist dennoch erfrischend.

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