Kritik zu La Gomera

© Alamode Film

Corneliu Porumboiu dekonstruiert den Film noir – und setzt ihn als absurde und düstere Ost-West-Moritat neu zusammen: Ein korrupter Polizist soll der Mafia helfen, einen Unternehmer aus dem Gefängnis zu ­befreien, und verfängt sich dabei in einem Netz aus Lügen

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Cristi wahrt den Schein. Nach außen wirkt es, als habe er immer noch alles im Griff. Und wenn der Boden unter seinen Füßen wieder einmal ins Schwanken gerät, bleibt ihm zumindest sein Pokerface. Nichts an seinen Gesichtszügen verrät, wie es wirklich in seinem Inneren aussieht. In Wahrheit hat sich der korrupte Polizist aus Bukarest heillos übernommen. Seit der Matratzenhändler Zsolt wegen des Verdachts auf Geldwäsche verhaftet worden ist und im Gefängnis sitzt, steckt auch der von Vlad Ivanov gespielte Cristi in Schwierigkeiten. Seine Kollegen und Vorgesetzten misstrauen und überwachen ihn, und die Mafiagangster, mit denen er zusammengearbeitet hat, setzen ihn unter Druck. Der Polizist soll ihnen dabei helfen, den Unternehmer aus dem Gefängnis zu befreien. 30 Millionen Euro sind verschwunden, und nur Zsolt weiß, wo sie versteckt sind. Also setzen die Gangster Zsolts Freundin Gilda auf Cristi an, und die schickt ihn nach La Gomera, wo er »El Silbo«, die Pfeifsprache der kanarischen Inseln, lernen soll. Das Alphabet aus Pfeiftönen soll es ihm und den Mafiosi ermöglichen, unentdeckt in Bukarest zu kommunizieren.

Der Ton, den der rumänische Kino-Auteur Corneliu Porumboiu in »La Gomera« anschlägt, ist überraschend leicht. Schon zu Beginn macht er das Publikum mit einem verschwörerischen Augenzwinkern zum Komplizen. Während Cristi mit einer Fähre auf La Gomera ankommt, erklingt auf dem Soundtrack Iggy Pops »The Passenger«. Ein Song, der so gar nicht zu dem stoischen und schlecht gelaunten Polizisten auf Abwegen passen will. Porumboiu spielt mit Versatzstücken des Film noir und signalisiert zugleich, dass man das vertrackte Geschehen keinesfalls zu ernst nehmen sollte. Nicht nur ihr Rollenname Gilda charakterisiert Catrinel Marlons Gangsterbraut als klassische Femme fatale. Auch ihre Posen und ihre doppeldeutigen Gesten unterstreichen erst einmal dieses Klischeebild. Aber auch das ist nur ein ironisches Spiel mit den Erwartungen, die das Genre begleiten.

Unübersichtliche Handlungen, deren Fäden sich mehr und mehr verwirren und irgendwann nicht mehr entknoten lassen, waren eigentlich immer ein Markenzeichen der Schwarzen Serie. Wer verliert angesichts der vielen Wendungen und Verwicklungen in Howard Hawks’ »Tote schlafen fest« oder John Hustons »Die Spur des Falkens« letztlich nicht den Überblick? Im Vergleich zu La Gomera erscheinen diese Klassiker fast geradlinig und stringent. Porumboiu bricht seine Erzählung immer wieder durch Rückblenden auf und wechselt zudem noch fortwährend die Perspektive. Alle zentralen Figuren bekommen ihr eigenes Kapitel, in dem Ereignisse aus ihrer Sicht erzählt werden. Die Geschichte zerfällt in eine Art Puzzle, dessen Teile sich nur lückenhaft zusammenfügen. Die Ereignisse lassen sich noch rekonstruieren, aber die Absichten der einzelnen Protagonisten bleiben oft im Dunkel.

Natürlich kann man sagen, dass alle immer nur ihre eigene Haut retten wollen und dafür zu jeder Form von Täuschung und Betrug bereit sind. Aber das greift am Ende zu kurz. Denn Porumboius kunstvoll mit Anspielungen auf die Filmgeschichte angereicherter Neo-Noir lässt bei aller ironischen Leichtigkeit auch Raum für andere Assoziationen. In den Lücken des Puzzles scheint das Panorama einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft auf. Nicht nur Cristi wird überwacht. Auch seine Vorgesetzte, die ihn ausspionieren lässt, steht anscheinend unter Verdacht. Denn auch ihr Büro ist verwanzt. Korruption und Misstrauen scheinen sich die Waage zu halten. Es ist ein überaus fragiles Gleichgewicht, das jederzeit kippen kann, vor allem wenn Kräfte von außen mitmischen, wie die spanischen Drogenschmuggler und Geldwäscher, die Zsolt aus dem Gefängnis holen wollen. Porumboiu dekonstruiert in »La Gomera« eben nicht nur das Genre des Film noir. Er seziert auch das komplexe und von Spannungen erfüllte Verhältnis zwischen West- und Osteuropa, das ähnlich undurchsichtig und explosiv ist wie diese Geschichte von Gier und Verrat.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns