Kritik zu Knight of Cups

Trailer englisch © FilmNation Entertainment

Gleitende Bilder, taumelnde Eindrücke, erschütterte Existenzen: In Terrence Malicks neuem Film verkörpert Christian Bale einen Hollywooddrehbuchautor, an dem das Leben vorbeifließt – wie gehabt als ephemeres, mystisches und hinreißend schönes Kino

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 3)

Es ist nahezu unmöglich, einmal mehr als für einen kurzen Moment zur Ruhe zu kommen. Es gibt sie zwar, die Einstellungen, die das stete Treiben und Wirbeln der Bilder unterbrechen, die noch einmal alles gleichsam auf null setzen. Doch es sind nur flüchtige Augenblicke des Innehaltens, meist in der Wüste jenseits von Los Angeles. Gleich darauf stürzt sich Rick (Christian Bale) und mit ihm der Film wieder in diesen modernen Mahlstrom: das Leben in der Stadt der Engel, die Traumfabrik und Alptraummanufaktur in einem ist. Alles ist fortwährend in Bewegung. Wenn nicht gerade Emmanuel Lubezkis Kamera durch minimalistisch eingerichtete Apartments oder verfallende Fabrikhallen gleitet, dann sind es diese kaum greifbaren, eher dem Versmaß der Bilder als dem Fortgang der Erzählung verpflichteten Schnitte, die einen mitreißen, mitten in einen Taumel der Eindrücke, der doch ein Sog ins Herz der Leere ist.

Dieses ständige Gleiten der Bilder, das auch schon Terrence Malicks vorherige Arbeiten The Tree of Life und To the Wonder prägte, fordert Flussmetaphern geradezu heraus. Doch letzten Endes sind sie irreführend. Ein Fluss hat trotz aller Verästelungen noch eine Richtung, hin zum Meer. In Malicks »Knight of Cups« hat die Bewegung der Bilder endgültig jegliches Ziel verloren; abgesehen davon, dass ihre Projektion natürlich unserer linearen Wahrnehmung von Zeit unterworfen ist. Malicks Filme streben in eine andere Dimension. Vielleicht sollte man sie sich tatsächlich als architektonische Konstrukte vorstellen, die dem Diktat der Zeit eine Expansion in den Raum entgegensetzen. Das Gleiten erweist sich mal als Kreiseln und dann wieder als Sturz, als chaotischer Kollaps von Ideen und Empfindungen, Erzählungen und Beschreibungen.

Einmal erschüttert ein Erdbeben Los Angeles und treibt den haltlosen, von seinem Erfolg und seinem Leben gelangweilten Hollywooddrehbuchautor Rick aus seinem unpersönlichen Luxusapartment hinaus auf den Gehweg. Während die Erde nachbebt, kniet er sich auf den Boden, als wolle er das Rumoren unter der Oberfläche in sich aufnehmen. Das Beben als zentraler Moment in Malicks Kino, dessen Bilder auch immer von unterirdischen Schwingungen durchzuckt werden und dann ins Fallen und Bröckeln geraten, so wie die Existenzen seiner Protagonisten.

Rick, der »Ritter der Kelche«, diese durch und durch ambivalente Tarotkarte, ist einer dieser innerlich Zertrümmerten. Natürlich hat dieser Mann eine Geschichte, eine Biografie, über der ein überlebensgroßes, gewalttätiges Vatermonster (Brian Dennehy) schwebt. Und natürlich gibt es ein unverarbeitetes Trauma, an dem er und sein Bruder Barry (Wes Bentley) leiden: Vor Jahren ist ihr Bruder gestorben. Wahrscheinlich war es Selbstmord. Und seither gibt es in ihrem Leben diese klaffende, immer größer werdende Lücke. Barry versucht, sie mit Wut zu füllen. So wie Wes Bentley ihn spielt, ist dieser Mann ein wandelndes Schlachtfeld. Für ihn gibt es nichts als Zorn und Zerstörung. Er läuft unablässig Amok, gegen die Lebenden wie gegen den Toten.

Rick ist das absolute Gegenteil, eher ein Gespenst als ein Mensch. Alles, was er tut, beschränkt sich darauf, die Fassade aufrechtzuerhalten. Rick funktioniert, aber ohne jede echte Verbindung zu den Menschen um ihn herum. Also spielt Christian Bale diesen Mann erst gar nicht. Er verkörpert ihn, gibt ihm einen Körper, der durchlässig wird für Terrence Malicks Ideen und Obsessionen. Entfernt erinnert Rick an die kaputten, seelenlosen Figuren aus den Romanen von Bret Easton Ellis und Bruce Wagner, so wie »Knight of Cups« in Momenten, vor allem während einer fellinesk-dekadenten Hollywoodparty, David Cronenbergs Maps to the Stars ähnelt. Doch Malick beschreitet einen anderen Weg. Er klagt nicht an. »Knight of Cups« umkreist die Leere des modernen Lebens, so wie die Frauen Rick umkreisen. Immer wieder ist da eine andere, die kurz durch sein Leben tänzelt, um dann wieder so zu verschwinden, wie sie gekommen ist, einem Lufthauch gleich. Das hat wie auch die dem Tarotspiel entlehnten Kapitelüberschriften und die zahlreichen Voice-over-Stimmen etwas Ephemeres und zugleich Mystisches. Man könnte es auch esoterisch nennen. Aber das Flüchtige ist in Malicks Kosmos von einer so erhabenen Schönheit, dass selbst Zweifel und sogar Ablehnung in einem besonderen Glanz erstrahlen.

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