Kritik zu Maps to the Stars

© Mfa+

Hollywood als Irrenhaus, die Traumfabrik als hermetisch abgeschlossenes Reich voller Dämonen. David Cronenberg wählt für seine ätzende Satire über die Welt der Stars die Form eines Familiendramas mit übersinnlichen Einschlägen

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.333335
3.3 (Stimmen: 6)

Filme, die in den USA spielten, hat David Cronenberg bereits mehrere gedreht – dort entstanden sind sie jedoch nie, der Kanadier zog stets seine Heimat vor. Nun aber hat er sich tatsächlich ins Nachbarland begeben, und direkt nach Hollywood, in die Höhle des Löwen sozusagen. Maps to the Stars, der Titel suggeriert einen weiten, glitzernden Horizont. Doch es ist nur die Bezeichnung für jene Stadtpläne von Los Angeles, auf denen die Domizile der Leinwandgötter verzeichnet sind.

Bruce Wagner hat das Drehbuch geschrieben und darin auch eigene frühe Erfahrungen satirisch überhöht – sein Alter Ego im Film verkörpert Robert Pattinson in der Nebenfigur eines Chauffeurs, der eigentlich als Schauspieler groß herauskommen will und Seitenblicke auf die monströsen, bisweilen auch absurd-komischen Begebenheiten wirft. Cronenberg seziert diese Abgründe mit souveräner Eleganz, nicht so stark stilisiert wie zuletzt in Cosmopolis, doch hält er eine Distanz ein, die frösteln macht.

Beinah theaterhaft wird da eine Familie vorgeführt, die es in der Glitzerwelt zu etwas gebracht hat und doch ganz und gar kaputt ist: Stafford Weiss (John Cusack) ist ein Psychotherapeut mit eigener Fernsehshow, der sich in sensiblen Plattitüden ergeht und keinerlei Skrupel hegt, ebenso seine Frau Cristina (Olivia Williams), die die Karriere des Sohnes Benjie (Evan Bird) forciert. Der ist mit 13 Jahren ein Kinderstar, hat bereits einen Drogenentzug hinter sich und sorgt mit seiner Boshaftigkeit für einige der schwärzesten Pointen des Films. Aus deren Heim verstoßen ist Tochter Agatha, die nach einer schrecklichen Tat und Jahren in der Psychiatrie ungebeten wieder die Nähe ihrer Familie sucht. Mia Wasikowska spielt diese Verlorene als Mischung aus Unschuldslamm und schwarzem Engel. Schon äußerlich setzen ihre langen schwarzen Handschuhe, mit denen sie Brandnarben verbirgt, ein Signal von Gefährlichkeit. Über ihre Twitter-Freundin Carrie Fisher (die sich selbst spielt) bekommt sie einen Job als Assistentin der Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore), die wiederum Patientin ihres Vaters ist.
Julianne Moore als Havana ist die am deutlichsten neurotische Gestalt des Films. Ihre verzweifelten Versuche, mit sich selbst ins Reine zu kommen, und den schamlosen Ehrgeiz, mit dem sie ihre Karriere wieder in Gang bringen will, spielt Moore mit beißender Intensität – für den Zuschauer ein Wechselbad von Mitgefühl und Ekel.

Allesamt sind die Protagonisten in Maps to the Stars Gefangene, sie hetzen Ruhm und Rollen hinterher, getrieben von dem Wissen, dass sie in Tinseltown nur über ihr öffentliches Bild existieren. So dreht sich das Leben um Oberflächlichkeiten, Heuchelei und Missgunst. Es ist eine Welt, in der man aus Karrieregründen erwägt, bei Scientology einzusteigen, und die persönlichen Tragödien von Konkurrenten zu Freudentänzen animieren. In der eigenen Seele findet man allenfalls Narben, ansonsten: gähnende Leere.

Mit Selbstverständlichkeit inszeniert Cronenberg die unheimlichen Besucher, die von dieser existenziellen Leere angezogen werden. Gespenster und Inzest werden als Motive in diversen Zusammenhängen durchdekliniert – als stimmige Bilder für eine unrettbar selbstbezogene Spiegelwelt.

Man mag darüber streiten, wie viel substanziell Neues der Film seinem Thema abgewinnt, doch die Konsequenz, mit der Cronenberg das Wahnsystem Hollywood zu Ende denkt, übertrifft selbst berühmte Abrechnungen wie Sunset Boulevard oder The Player. Maps to the Stars kennt kein Erbarmen – ganz teilnahmslos ist er jedoch nicht. Als Leitmotiv zieht sich das Gedicht »Liberté« des Surrealisten Paul Eluard durch den Film. Ziemlich gewagt entreißt Cronenberg die Verse ihrem historischen Kontext der französischen Résistance und verwandelt sie in einen zärtlich-irritierenden Abgesang auf das Verlorene: »Und durch die Macht eines Wortes/Beginne ich mein Leben noch einmal/Ich lebe um dich zu kennen/Um dich zu nennen/Freiheit«.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns