Kritik zu Jibril

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Henrika Kull erzählt in ihrem Abschlussfilm die Geschichte einer Liebe über Gefängnismauern hinweg

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Der Film beginnt mit einem Fest. Man muss schon genau hinschauen, denn hier wird der Grundstein gelegt für eine Beziehung, die den weiteren Verlauf des Filmes bestimmen soll. Bei einer Hochzeit treffen sich die Blicke von Maryam und Jibril. Mehr nicht. Das Fest geht vorüber und so auch die nur wenige Minuten andauernde gegenseitige Anziehung. Jahre später, Maryam ist inzwischen alleinerziehende Mutter von drei Töchtern, trifft sie Jibril wieder. Im Auftrag einer Freundin liefert sie ein Paket im Gefängnis ab, Jibril, der sich dort Gabriel nennt und kein Arabisch spricht, ist der Empfänger. Mit der Erinnerung kommt auch das gegenseitige Verlangen zurück.

Maryam wiederholt ihre Besuche, schlägt die Warnungen in den Wind, sie wäre den einen nutzlosen Mann doch gerade erst losgeworden, und verliebt sich. Eine Beziehung über die Gefängnismauern hinweg beginnt. Was als platonische Romanze anfängt, wird zu einer ernsthaften Auseinandersetzung über Fragen wie: Wann ist eine Beziehung gleichberechtigt? Kann Liebe Mauern überwinden, selbst wenn man ungestört nur zwei Stunden miteinander verbringen kann? Hat eine Beziehung Bestand, wenn Sehnsucht nicht mehr ihr Motor ist? Und ist die Sehnsucht nicht immer auch zweischneidig, wenn man sich auf ein Wiedersehen freut, das Verlangen für die nächsten Tage aber unstillbar bleibt?

Maryam und Jibril kennen sich kaum. Aber sie haben miteinander erlebt, wie man sich verletzen und verzeihen kann. Maryam jedoch kann sich nach einem Streit zurückziehen, Jibril aber sitzt in seiner Zelle fest. Beide spüren, wie schwer es ist, sich die Lebensrealität des anderen vorzustellen. Sie begreifen, dass sie wahrscheinlich erst mal nur ein Bild des anderen lieben. Wenn der erste Rausch vorbei ist, so nach zwei Jahren, sagt man, muss ohnehin eine andere Basis gefunden werden.

Henrika Kull inszeniert ihren ersten Spielfilm als offenes Porträt einer immer noch ungewöhnlichen Beziehung. Sie bleibt dabei ganz nah bei ihren Protagonisten und erklärt kaum etwas. Warum Jibril im Gefängnis sitzt, bleibt ebenso offen wie die Frage, warum Maryams Ehe gescheitert ist. Auch die Frage der Religion bleibt offen. Die arabischen Wurzeln sind Maryam wichtig, die Sprache und die Kultur, die sie in Form von kitschigen Liebesfilmen mit nach Berlin bringt, Jibril hat sich aus dem Kulturkreis entfernt. Henrika Kulls fast dokumentarischer Stil, der sich um den Moment kümmert und nicht um größere Zusammenhänge, macht den Film sehr authentisch und gegenwärtig. Mit großer Beiläufigkeit zeichnet sie ein stimmiges Porträt ihrer Figuren. Doch diese Art des Filmemachens ist auch riskant. Der Film endet ebenso abrupt, wie er begonnen hat: bei einer anderen Party, in einer freudvollen Silvesternacht. Man ahnt die Probleme, die noch folgen könnten, doch den Film berührt das nicht mehr. Er bleibt dabei etwas zu ausschnitthaft und zu wenig diskursiv. Henrika Kull hat zwar genau hingeschaut, aber vielleicht den Kern nicht unbedingt gefunden.

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