Kritik zu Im August in Osage County

© Tobis

2013
Original-Titel: 
August: Osage County
Filmstart in Deutschland: 
06.03.2014
R: 
V: 
L: 
121 Min
FSK: 
12

In dem schwarzhumorigen Drama mit Meryl Streep und Julia Roberts wird ein Familientreffen zum Kriegsschauplatz

Bewertung: 3
Leserbewertung
2.8
2.8 (Stimmen: 5)

Tracy Letts ist auch in Deutschland schon als Theaterautor entdeckt worden; in Amerika hingegen schätzt man ihn zusätzlich als hochkarätigen Bühnenschauspieler: Für seine Hauptrolle in der Broadway-Inszenierung von »Who’s Afraid of Virginia Woolf?« wurde er vergangenes Jahr mit dem Tony Award ausgezeichnet. Zwei seiner Bühnenstücke wurden von William Friedkin verfilmt: Bug und Killer Joe. Der Regisseur John Wells hat sich nun des Bühnenstücks »August: Osage County« (deutscher Titel: »Eine Familie«) angenommen, für das Letts 2008 den Tony Award und den Pulitzer-Preis erhielt.

Im Mittelpunkt steht eine Familie, die nach dem mysteriösen Verschwinden des Familienpatriarchen (Sam Shepard) im Haus der an Krebs erkrankten Mutter Violet (Meryl Streep) zusammenkommt: Die drei Töchter Ivy (Julianne Nicholson), Barbara (Julia Roberts) und Karen (Juliette Lewis) und deren Männer sowie Violets Schwester Mattie (Margo Martindale) mit Ehemann Charles (Chris Cooper) und dem erwachsenen Sohn »Little Charles« (Benedict Cumberbatch). Bald wird vermutet, dass der Patriarch Selbstmord begangen hat. Im Film fragen sich alle nach dem Grund, für den Zuschauer hingegen scheint er bald sonnenklar: Alle Frauen seiner Sippe erweisen sich als schwer erträgliche Neurotikerinnen, die ihrem Lebensfrust durch Beleidigungen Luft machen. Vor allem Violet lässt keine Gelegenheit aus, ihre Mitmenschen vor versammelter Familie bloßzustellen.

Im August in Osage County ist als Demontage einer amerikanischen Mittelstandsfamilie angelegt. Allerdings fehlt Wells und Letts der Mut, bei den Konflikten wirklich an Schmerzgrenzen zu gehen. Wells’ scheint das Bildungsbürgerpublikum nicht verschrecken zu wollen. Sein Film ist »Qualitätskino« der risikoärmeren Sorte: toll besetzt, gut fotografiert, aber inhaltlich inkonsequent. Wells fehlt der Mut zur spannungsreichen Überzeichnung. Anstatt mit brutalem Humor zu schockieren, bleiben die Dialogduelle auf biedere Weise amüsant. Zugleich funktioniert die Inszenierung auch nicht als »Naturalismus«: Die Aneinanderreihung skandalöser familiärer Enthüllungen wirkt so konstruiert, dass man als Zuschauer eine wohlige Distanz wahren kann.

Viel verschenktes Potenzial zeigt sich bei den Darstellern. Meryl Streep spielt die bösartige Violet als bleiche Provinz-Norma-Desmond; Julia Roberts als älteste Tochter soll durch eine attraktiv-unattraktive Aufmachung als gebrochene Frau durchgehen, und Margo Martindale gibt einmal mehr eine feiste, boshafte Matrone. Überhaupt gibt, wie schon in Friedkins Killer Joe, das negative Frauenbild bei Letts zu denken. Die Männer zumindest haben durchweg die dankbareren Rollen. Wenn Chris Cooper als sensibler Ehemann seine fiese Frau in die Schranken weist, inszeniert Wells das wie eine zutiefst befriedigende Erlösung. Wenn er also doch bei etwas an die Schmerzgrenze geht, dann im lustvollen Ausmalen von Geschlechter- und Rollenklischees.

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