Kritik zu Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers

© Farbfilm Verleih

2022
Original-Titel: 
Henrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers
Filmstart in Deutschland: 
12.05.2022
L: 
90 Min
FSK: 
12

Marie Noëlle versucht mit einer Mischung aus Dokumentar- und Spielfilmelementen, dem geradezu überreichen Leben des Jugendstil­malers beizukommen

Bewertung: 2
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»Meine Kunst ist tot«, sagt Heinrich Vogeler auf dem Höhepunkt seiner Popularität und sieht sich mit seinen psychologischen Porträts im gepflegten Naturraum jenseits der politisch bewegten Zeit. 1894 hatte er sich der Künstlergruppe um Otto Modersohn, Fritz Mackensen und Carl Vinnen in der Künstlerkolonie Worpswede angeschlossen, dort ein beachtliches Gut erworben, das er den Barkenhof nannte, und dies beständig aus- und umgebaut. Mit selbst gestalteten Möbeln und Tapeten wurde es zu einem bis heute berühmten Gesamtkunstwerk des Jugendstils. Hier traf er Rainer Maria Rilke und zerstritt sich mit ihm, heiratete seine große Liebe Martha und verlor sie und schenkte das Haus schließlich den Arbeitern und Bauern. 

Innerlich zerrissen suchte Vogeler nach einem neuen künstlerischen Ausdruck. Er besuchte Rodin in Paris, machte das kleine Werk von Paula Modersohn-Becker nach deren plötzlichem Tod berühmt und meldete sich, als er kein Ziel mehr formulieren konnte, freiwillig zum Dienst an der Waffe. Der Erste Weltkrieg aber, den er fotografisch und mit dem Zeichenstift dokumentierte, verschaffte ihm keinen Seelenfrieden, sondern zerstörte, was an Basis noch übrig war. Und so endete Vogeler in einer psychiatrischen Klinik. In der Sowjetunion schließlich sah er eine letzte Utopie. Er wollte helfen, eine menschliche, sozial gerechte Gesellschaft aufzubauen, und musste mit ansehen, wie Ideale unter der Gier nach Macht zerbrachen. Er erlebte die stalinistischen Verfolgungen am eigenen Leib, die Machtübernahme der Nazis machte ihm eine Rückkehr nach Deutschland unmöglich, und er starb schließlich 1942, entkräftet und halb verhungert, in einer kasachischen Kolchose, in die man ihn deportiert hatte.

Vogelers Lebensgeschichte ist aufregend, bedeutsam für die Kunstwelt und zugleich von emotionaler Tiefe. Doch Marie Noëlles Film wird ihr nicht gerecht. Die Spielszenen, mit Florian Lukas, Anna-Maria Mühe, Johann von Bülow und Samuel Finzi hochkarätig besetzt, verlieren sich in den malerischen Sets, die dokumentarischen Teile, in denen Klaus Modick, Vogelers Sohn Jan, seine Urenkelin Daniela Platz sowie die Künstler Sophie Sainrapt und Norbert Bisky zu Wort kommen, kollidieren damit in abgeklärter Sachlichkeit. Und wenn Noëlle dann eine Begegnung zweier Kunstwelten jenseits der Zeiten inszeniert, Auguste Rodin im Atelier der zeitgenössischen Künstlerin Sophie Sainrapt auftaucht, um sich seine eigenen erotischen Zeichnungen anzusehen, dann reißt der dünne Faden endgültig, der all die vielen Fragen nach der Bedeutung der Kunst zusammenhalten sollte. 

Hatte Marie Noëlle in ihrem überzeugenden Film »Marie Curie« eine historische Figur eindrücklich zum Leben erweckt, so nimmt sie sich hier zu viel vor. Persönliches Drama, politische Kunst, Bewegungen der Zeit, zwei Weltkriege und die enttäuschten Hoffnungen des Sozialismus, dazu die Idylle von Worpswede, das Drama der psychischen Erkrankung und zwei gescheiterte Liebesbeziehungen, diese Last kann der Film nicht tragen. 

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